Vergangenheitsbewältigung

Wie ich wurde, was ich bin - Versuch einer ganz persönlichen Vergangenheitsbewältigung


Vorwort

Immer wenn ich bei irgendeiner Gelegenheit über Erlebnisse aus meinem Leben spreche, komme ich auf die Idee, dass ich eigentlich über mich und mein Leben schreiben müsste, um mich nicht dauernd zu wiederholen. Äußerte ich mich in dieser Richtung, ermunterte man mich von vielen Seiten, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Hiermit will ich nun alle "Drängler" und auch mich zufrieden stellen. Denn es ist mir selbst ein inneres Bedürfnis, über all die vielen Irr- und Umwege meines Lebens zu schreiben, die mich besonders geprägt haben und mich dahin gebracht haben, wo ich heute stehe. Es ist sowohl die Aufarbeitung meiner Herkunft und meiner familiären Wurzeln als auch der Versuch, Ordnung in meine Lebensgeschichte zu bringen.
Das, was ich hier schreibe, stammt zum Teil aus den Tagebüchern meiner Mutter, dem, was ich aus ihrem Munde erfahren konnte, und zum größten Teil aus meiner eigenen Erinnerung. Von meinem Vater besitze ich kein Tagebuch (vielleicht hat er auch keines geschrieben). Meine Mutter hatte für jeden ihrer beiden Söhne ein eigenes Tagebuch geschrieben. Beide Tagebücher kenne ich, denn meine Mutter hat sie uns noch zu Lebzeiten vermacht. Das Tagebuch meines Bruders habe ich zur Sicherheit eingescannt. Wozu haben wir denn den Computer mit seinen Peripheriegeräten, wie Tastatur, Drucker und Scanner? Darüber hinaus gibt es noch jede Menge Speichermedien und -möglichkeiten, um Material einigermaßen dauerhaft und digital aufzubewahren. Einen Computer ohne einen Internetanschluss gibt es bald nicht mehr. Das Internet ist ein Quell ewig fließenden Wissens über die eigene Vergangenheit, denn dort wird man oft fündig.
Aber zurück zu den Tagebüchern, die ja auch in Bezug auf die eigene Vergangenheit einen gewissen "Speicher" darstellen. Das mir als Erstgeborenem gewidmete Tagebuch war sehr ausführlich und rührend, aber auch besonders eindringlich geraten, beschreibt es doch mich als wehrloses Baby im Bombenhagel, und was meine Mutter dabei mit mir durch gemacht hatte.
Das Tagebuch für meinen Bruder wurde ca.2 Jahre nach seiner Geburt, aus dem enormen Langzeitgedächtnis meiner Mutter hervorgeholt, erst gegen Ende des Krieges geschrieben. Der Bombenterror über Berlin hatte stark zugenommen, und meine Mutter musste nun allein für zwei kurz hintereinander, im Abstand von einem Jahr geborene Kinder sorgen, die natürlich auch alle möglichen Erkrankungen durch zu machen hatten. Da blieb für sie wenig Zeit und Ruhe zum Führen eines Tagebuchs. So geriet es auch eher kurz.
Seit einigen Jahren interessiert mich mehr und mehr die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland (oder dem was davon noch übrig geblieben war), die sogenannte Nachkriegszeit. Von besonderem Interesse waren für mich dabei Schilderungen von Anderen, und wie sie diese Zeit erlebt hatten. Merkwürdigerweise fand ich mich darin nie so richtig wieder, denn bei mir war ja alles ganz anders ...! Aber, was war denn alles so anders bei mir?

Sommer 1940 - Bei Mutti im Arm lässt es sich gut schlafen. Man beachte den erhobenen Mittelfinger...!

1. Die ersten fünf Jahre meines Lebens

Am 1. Juni 1940 erblickte ich in Berlin-Karlshorst als 8-Monats-Kind das Licht der Welt. Der Zweite Weltkrieg war in vollem Gange. England erklärte Deutschland den Krieg. Die Tommys begannen mit der Bombardierung Berlins. Der einzige Mensch, der sich um mich "Wesenlein" kümmerte, war meine Mutter. Es war für meine Mutter ein Leben mit mir im Wäschekorb, hinauf und hinunter zwischen kuscheliger Wohnung und dem Luftschutzkeller. Mein Vater, als studierter Bauingenieur, war bei der Organisation Todt (Erkennungszeichen: der Totenkopf auf der Schirmmütze, also Waffen-SS). Dort war er bei den Pionieren mit dem Brückenbauzug in Russland unterwegs, also auch nur im Urlaub zu Hause. In diese politisch mit Spannung geladene Zeit und von daher unsichere familiäre Situation wurde ich hinein geboren. Meine Mutter lebte mit mir allein und hatte stets griffbereit fertig gepackt, was ein Kleinkind alles so brauchte: Alete-Nahrung, wenn die Muttermilch versiegte, Windeln, Tücher, usw., natürlich auch Spielzeug.
Zu dem einen "Lütten" gesellte sich ein zweiter "Lütter", als am 7. Juli 1941 mein Bruder Roger (auch in Berlin-Karlshorst) geboren wurde. Eigentlich sollte er ja eine "Frauke" werden, aber dann war es doch ein "Roger" geworden. Im Gegensatz zu mir hatte er die volle Zeitspanne bis zu seiner Geburt im Bauch meiner Mutter verbracht. Ab dem 8. Monat machte Roger durch Treten und heftige Bewegungen auf sich aufmerksam, was sehr schmerzhaft für meine Mutter war und sie nachts nicht einschlafen ließ, gerade wenn es einmal keine Bomberangriffe gab.

Was ist denn da schon wieder los?

Sommer 1941 - Der erste Schritt in meinem Leben galt meinem Bruder

Meine Mutter erzählte mir später, dass wir beide diese Vornamen erhalten hätten, weil diese rein germanisch wären (auch Folker mit "F") und sie Namen aus der Bibel, wie Thomas, Andreas, Michael, usw. nicht leiden könnte. Erstaunlich war, dass unser Papi kurz nach unserer beider Geburt stets da sein konnte. Für ihn war es ein stetes Pendeln zwischen Brückenbauen in Russland und Besuch der Familie zu Hause. Die Hauptsorge für meine Mutter war, dass wir uns von unserem Papi entfremden könnten. Aber die Sorge hatten damals wohl viele Mütter. Als studierte Biologin streckte meine Mutter jedoch auch ihre Fühler nach einer sinnvollen Tätigkeit in der Landwirtschaft aus hinter der Front und für die Front .
Wegen der vielen Bombenangriffe wurde es meiner Mutter mit uns beiden zu viel und zu gefährlich in der Reichshauptstadt. Auch mein Vater versuchte mit allen Mitteln, die Lage meiner Mutter zu erleichtern. Also verließen wir zeitweilig unsere Wohnung in Berlin-Karlshorst, um aufs "Land" zu ziehen. Unsere Stationen waren Großröhrsdorf, Wulkow und Kirchengel , wo meine Mutter für die Kleinwanzlebener Kartoffelsaatzucht im Reichsnährstand tätig war. Wir hatten gut zu essen, während es in den Städten schon Lebensmittelkarten gab. In den Jahren 1943 und 1944/45 waren wir in Sondershausen/Thür. Hier hatten mein Vater und meine Mutter früher auch die Schule besucht, das Abitur gemacht und sich kennen gelernt.

Zurück von der Geburtstagsfeier meines Bruders (l.)

2. Kindheit in Hameln a.d.Weser

Vieles unterschied mich von anderen Nachkriegskindern. Zunächst war ich ein Flüchtlingskind. Wir kamen aus der Stadt Sondershausen/Thür. Wir waren nicht mit dem Flüchtlingstreck als Vertriebene in die Britische Besatzungszone gekommen, sondern als ganz "normale" Flüchtlinge, die es einfach ganz von selbst, d.h. mit "Vitamin B" (=Beziehungen) geschafft hatten, vor den Russen zu flüchten. Wir hatten auch "alles verloren", aber keinen Bauernhof bzw. kein Gut oder dergleichen. Wir waren Flüchtlinge dritter Klasse und kriegten dafür "bloß" den Flüchtlingsausweis "C". Als Städter bekamen wir in Hameln a. d. Weser Wohnraum zugewiesen, weil mein Vater dort eine Stelle als Maurer bekommen hatte, nach dem Motto: "Hast du Arbeit, hast du Wohnung!" Wir haben nur unsere Rechte als Deutsche in Anspruch genommen, die man uns auch anstandslos gewährte.

An dieser Stelle muss ich aber noch etwas über unseren neuen Wohnort Hameln sagen. Die schöne alte Rattenfängerstadt Hameln hatte im Krieg nicht viel abbekommen, verfügte daher über genügend Wohnraum, um Flüchtlinge aufzunehmen. Soviel ich weiß wurde der Haupt-Bahnhof völlig zerstört, dann gab es noch einen Bombentreffer in das Kirchenschiff der Marktkirche, und in der Deisterstrasse, die in Richtung Hannover führt, wurde ein Wohnhaus völlig zerstört. Der Stadtkommandant hatte nämlich schon frühzeitig kapituliert. Nur kurz vorher hatten deutsche Truppen die eine Hälfte der damals einzigen Straßen-Brücke Hamelns über die Weser gesprengt, so dass die Überquerung der Weser bei Hameln für fremde Truppen erschwert wurde. - Nun wiederholte sich, was schon zu Napoleons Zeiten geschah. Schon damals (1806) ergab sich die Festungsstadt Hameln kampflos. - So rückten die ersten Kanadier eben aus Richtung Emmertal an.

Allgemein galt die Wohnraumbeschaffung für Flüchtlinge und Vertriebene. Uns wies man im "Haus Wiestedt" in der Grütterstraße 11, Ecke Kaiserstraße, eine 2 -Zimmer-"Wohnung" im Hochparterre zu. Diese Zimmer waren Teil einer gesamten Etage, die der Familie K. gehörte. Ein weiteres Zimmer wurde später von einer Familie B. bewohnt. (Deren Tochter Eva war meine erste große Liebe.) Dann war da noch ein Zimmer, das von einer Oberstudienrätin mit ihrer pflegebedürftigen Mutter bewohnt wurde.
Die eigentlichen Eigentümer der Gesamtwohnung wohnten in den restlichen 1 -Zimmern. Darin wohnten die "alten K.", ab und zu auch deren Sohn Günter, der im Zweiten Weltkrieg Fregattenkapitän bei der Marine war. Er war geschieden und hatte das Sorgerecht für seine beiden Söhne Dieter und Horst. Dann hatte er noch eine Tochter, die aber seiner geschiedenen Frau in Kiel zugesprochen worden war.
Der "junge K." - oder "Herr K." im weiteren Verlauf - versorgte mit seinem VW-Käfer die Apotheken in einem ihm zugewiesenen Bereich. Seine beiden Söhne besuchten abwechselnd verschiedene Internate, wo man sie wegen irgendwelcher Delikte so oft hinauswarf, bis sie kein Internat mehr aufnehmen wollte. Irgendwie hatte es Herr K. dann aber doch noch bewerkstelligt, beide in einer Schule unterzubringen.

In diesen engen Wohn-Verhältnissen kam man sich auch menschlich näher. Treffpunkt war oft die zur Etage gehörende riesige Küche, wo alle außer uns kochen mussten. Meistens hantierte die alte Frau K. in der Küche, und wenn auf dem Herd das Wasser einer der Wohn-Parteien kochte, schallte durch die ganze Etage und sämtliche Türen ihr Ruf: "Das Wa-a-a-s-s-e-r kocht!"
Auf die Toilette gehen mussten wir im einzigen Badezimmer der Etage. Der alte Herr K. hatte es mit sinnreichen Sprüchen ausgeschmückt, wie etwa: "Jeder Mensch hat seinen ......!" Darunter war dann ein zwitschernder Vogel abgebildet. Übrigens, als Toilettenpapier diente ein Packen zurecht geschnittenen Zeitungspapiers, das an einer Ecke durchbohrt war und so, mittels durchgezogenen Bindfadens, an einem Nagel in der Wand aufgehängt wurde.

Dennoch war da das Gefühl, dass die Einheimischen uns nur duldeten. Warum sollten sie sich auch freuen? Sie hatten ja selber nicht genug zum Leben. Die Vertriebenen kamen zu Bauern, bekamen genug zu essen, mussten sich aber auf dem Hof für die plötzlich wohlhabenden Bauern abrackern. Wie das aber mit den "besser Situierten" war, weiß ich nicht genau. Ich weiß nur, dass im Reedenhof in Hameln eine Kriegerwitwe und ihre Schwester wohnten, die aus dem Baltikum kamen und als Reichsdeutsche Kriegsverlierer waren. Sie wurden hier solange aufgenommen, bis die Engländer aus der ehemaligen SA-Siedlung auf dem Wehl abgezogen waren. Die ältere der Schwestern besaß dort ein Eigenheim, das der Führer ihrem getreuen Ehemann und dessen Familie errichten ließ. Meine Mutter, selbst eine ehemalige Baltin, wurde am 11.Sept.1911 in Riga/Lettland geboren. Sie bzw. ihr Vater hat für ihre Zugehörigkeit zum Reich 500,- Reichsmark (RM) zahlen müssen, wie sie uns erzählte. Meine Mutter also fiel diesen beiden Damen zufällig beim Einkaufen durch ihre Aussprache und ihr typisch baltisches, hartes "r" auf. Daraus wurde eine über Jahre anhaltende gute Bekanntschaft, an der auch wir Kinder Anteil hatten.
Mein Vater war nie, ich wiederhole nie, in Kriegsgefangenschaft! Er war sofort zur Stelle, als bei uns in Deutschland alles "zusammenbrach" und wir am 8. April.1945, noch kurz vor der deutschen Kapitulation, in Sondershausen ausgebombt wurden und nach Westen flüchten mussten. Zum Glück hatte ich keinen überzeugten Nazi als Vater, obwohl er durch seine Aufgaben bei der Organisation Todt im Brückenbau Kontakt zu wichtigen Einrichtungen und Organisationen der Nationalsozialisten hatte und sich auf diese Weise am Zweiten Weltkrieg beteiligen musste.

Hameln a.d. Weser - Sommer 1946

Mein Vater gehörte zu den Menschen, die nicht oder nur bis zu einem gewissen Grad mit den Parolen des Dritten Reiches infiziert waren. Er hatte auch zu keiner Zeit versucht, nationalsozialistische Überzeugungsarbeit an uns Kindern zu leisten. Aber er selbst benahm sich wie ein Herrenmensch. Allerdings habe ich erst später begriffen, dass dieser Eindruck, den ich von ihm hatte, nur äußerlich war und er eigentlich ein sehr genauer Mensch war, der nichts mehr verabscheute als wenn jemand sich anders verhielt als er sich verhalten hätte. Er konnte auch liebevoll sein, das war aber eher selten und beschränkte sich mehr auf Familienfeste, besonders auf Weihnachten. Alle mussten "spuren", wir Kinder genauso wie meine Mutter. Waren wir anderer Meinung als er, wurden wir angeschnauzt und zum Schweigen gebracht.

Kurz nach Kriegsende hatte ich meinen Vater gemocht, er wohl auch mich. Aber dann kam das Jahr, in dem etwas in meinem Verhältnis zu ihm zerbrach. Es war das Jahr 1947, als wir schon in Hameln wohnten. Meine Mutter hatte wieder mit Nähen begonnen, und zwar für die Ehefrauen der englischen Offiziere, die in Häusern wohnten, die man den deutschen Eigentümern "weg genommen" hatte.
Wir hatten die gute alte Singer-Nähmaschine meiner Mutter nach Hameln gerettet. Nachmittags war meine Mutter dabei, aus BURDA-Schnittmusterbögen die Vorlagen für die von den Kundinnen gewünschten Kleider mit Kopierrad und Schneiderschere zuzuschneiden. Bis spät in die Nacht nähte sie dann per Fußantrieb und Keilriemen mit der Nähmaschine die Stoffteile zusammen. Während meiner gesamten Volksschulzeit ging durch unsere Zwei-Zimmer-Wohnung (mit kleiner Küche) dieses Geräusch, das für jede Schneiderwerkstatt so typisch ist. Sogar schlafen konnte ich dabei. Meine Mutter war voll des Lobes über die Qualität der englischen Stoffe. Einmal musste sie sogar aus echter Fallschirmseide(!), die natürlich aus Kunststoff war, eine Bluse nähen.

In der Zeit erlebten wir eine sehr völkerversöhnende Episode mit unseren englischen Besatzern, die meine Mutter stets als "unsere Erzfeinde" betrachtete.
Eines späten Abends, es war während des eisigen Winters 1946/47, mussten mein jüngerer Bruder und ich mit meiner Mutter sogar mit hinauf zum Klüt, einem Berg auf der andern Seite der Weser. Während meine Mutter Maß nahm, mussten wir draußen in der kalten Winternacht bei ca. -30 C ausharren. Die Engländer hatten aber Erbarmen mit uns und holten uns ins warme Haus. Wir bekamen sogar eine Tasse heißen Tees zum Aufwärmen. Köstlich! Es fügte sich, dass wir so kurz nach Kriegsende bei Engländern zu Besuch waren und mit englischen Kindern und deren englischen Spielsachen spielen durften. Sie besaßen eine Menge Matchbox-Autos, etwas, was wir noch nie gesehen hatten. Über unser Staunen freuten sie sich sehr. Wir verständigten uns mit Gebärden und mit Mimik ganz leidlich. Meine Mutter war da schon besser dran. Sie verfügte bereits aus der Schulzeit in Sondershausen über genügend Englischkenntnisse.

Während meine Mutter sich zu Hause abrackerte, die Haushaltskasse aufzubessern, störte meinen Vater die Geschäftigkeit, die in unserer Wohnung herrschte, sehr, wenn er von seinen wechselnden Baustellen aus dem Umkreis von Hameln nach Hause kam. Neben dem Geräusch störte ihn ganz besonders, dass meine Mutter so tüchtig war. Kurzerhand nahm er die Schneiderschere und schnitt damit den Keilriemen durch. Meine Mutter schrie auf, doch er zog alle Register und schnauzte sie dermaßen zusammen, dass sie anfing, bitterlich zu weinen. An Schlaf war diesmal für mich nicht zu denken. Als ich dann auch noch meine Mutter weinen hörte, brach in mir eine Welt zusammen. Sie, die ich bisher nicht ein einziges Mal weinen gehört hatte, geschweige denn weinen gesehen, sie wurde dermaßen von meinem Vater erniedrigt, dass ich ihm das innerlich nie verziehen habe. Seit 1947 mochte ich meinen Vater nicht mehr; ich hatte ihn von dem Zeitpunkt an nur noch respektiert.
Kriegten wir Kinder uns in die Wolle, kam mein Vater ins Kinderzimmer und fragte: "Soll ich helfen ...?" - Eine Antwort gaben wir nicht, und dies war wohl auch nicht erforderlich. Dafür wurden wir aber kräftig mit dem Rohrstock verdroschen. Es war dabei völlig egal, wer von uns beiden nun eigentlich Schuld hatte.
Meine Mutter war eine in jeder Hinsicht "starke Frau". Die körperlichen Kräfte meiner Mutter hatten wir Kinder zur Genüge zu spüren bekommen. Wurden wir zu ungezogen, und das kam öfter vor, bekamen wir es mit ihren Fäusten zu tun. Aber im Gegensatz zu meinem Vater fühlten wir uns von meiner Mutter zu Recht bestraft. Es kam auch stets zwischen ihr und uns zu einer regelrechten Versöhnung. Wir liebten uns alle drei sehr und hielten zusammen, wenn es sein musste auch gegen den eigenen Vater. Wir Kinder waren ihr Ein und Alles, so dass ein "Herumerziehen" an uns durch meinen Vater von meiner Mutter im Keime erstickt worden wäre.
Sie war ihm nicht nur ebenbürtig sondern teilweise auch überlegen. So machte jeder von Beiden das, was er am besten verstand. Mein Vater hielt Ausschau nach einer vernünftigen Arbeitsstelle (das Wort "Job" war noch nicht gebräuchlich in Deutschland) und sorgte mit seiner Hände Arbeit für den Erhalt unserer Familie. Da wir nichts hatten, baute er uns allen Betten. Mein Bruder und ich bekamen ein selbst gemachtes Etagenbett ins Kinderzimmer gestellt. Meine Eltern schliefen hintereinander im Wohnzimmer auf eigens konstruierten Betten, die tagsüber als Sofas dienten. Ferner baute er uns einen Kohleherd. Vorhanden waren nur eine gusseiserne Herdplatte, eine mit diesen berühmten Ringen und Ofentüren. Diese Teile hatte er "organisiert". Kein Mensch fragte ihn, wie er das gemacht hatte. Als alles da war, wurde der Rest auf der Baustelle drum herum gebaut: die Verkleidung aus Blechresten , das Rüttelsieb für die Belüftung, der Aschenbehälter, die Ausmauerung mit Schamottsteinen , die Winkeleisen für Stabilität und Standfestigkeit und, und, und. Um diesen Herd spielte sich besonders im Winter das Familienleben ab. Es war die einzige funktionierende Wärmequelle in unserer 2 -Zimmer-Wohnung, ja sogar in der gesamten Etage, so dass der Vater unseres Vermieters, der alte Herr K., einst Offizier im Ersten Weltkrieg, sich mit uns davor setzte und spannende Geschichten aus seiner Kindheit erzählte.

Hameln a.d. Weser - Winter 1949

In einer Zeit als es noch kein LEGO-Spielzeug gab, hat mein Vater für uns Kinder selbst Bagger gebaut, einen Löffelbagger und einen Schaufelbagger. Und die funktionierten sogar! Dann gab es zu Weihnachten 1949(?) einen niedersächsischen Bauernhof mit einem großen niedersächsischen Bauernhaus natürlich zum Zusammenklappen mit elektrischer Innenbeleuchtung, so dass man in die Bauernstube, den Stall, die Diele und den Dachboden sehen konnte. Außen war richtiges Fachwerk aufgemalt, sogar einen Kran gab es, mit dem man Säcke auf den Boden hieven konnte.
Es war an alles gedacht: Bauer und Bäuerin, Kühe und Pferde auf Rädern, die vor Leiterwagen gespannt werden konnten, Viehgatter und allerhand Kleintiere, wie Gänse, Hühner usw. Das waren alles Laubsägearbeiten. Für die gesamte Optik war meine Mutter zuständig, die die Figuren entworfen und alles liebevoll bemalt hatte. Es war eine Gemeinschaftsproduktion unserer Eltern. Sie hatten es heimlich gemacht, wenn wir schliefen. Aus der Zeit habe ich noch in Erinnerung, dass das beliebteste Werkzeug meines Vaters die Kombizange war, mit der er Bindedraht zusammen drehte und dadurch kleine Bauteile fest miteinander verband. Wir bekamen natürlich mit, dass da irgendetwas im Gange war. Mein Bruder hatte auch etwas unter dem Sofa entdeckt. Aber dennoch war die Weihnachtsüberraschung voll gelungen. Wenn jemals mit Fug und Recht von offenen Kindermündern gesprochen werden konnte, dann bei uns. Wir jedenfalls kriegten vor Freude und Staunen lange unseren Mund nicht mehr zu, denn das war ein Geschenk, das wirklich aus Liebe geschenkt wurde und nur für uns bestimmt war. Es war überwältigend.

Meine Mutter war für uns und unsere Erziehung, und alles was damit zusammen hing, zuständig. Ferner machte sie uns Kleidung, u.a. Mäntel aus Pferdedecken, Jacken und Hosen. Der Versuch meines Vaters, für uns im Sommer Sandalen aus alten Autoreifen anzufertigen, hatte zwar kurzfristig Erfolg, war aber langfristig für mich sehr folgenschwer. Ich bekam davon zunächst Senkfüße. Meine Mutter drang nun darauf, dass ich "vernünftiges" Schuhwerk trug, nämlich Bergstiefel Marke "Rieker" mit Profilsohle. Darin knarrten die verhassten Einlagen aus lederumspanntem Aluminium-Blech (bezahlt von der Krankenkasse). Ich bekam davon dann auch noch Schweißfüße.

Das Verhältnis zu meinem Vater blieb weiterhin angespannt, und ich hatte auch nicht den Mut, ihn zu fragen, wo er denn eigentlich im Krieg war und welche Aufgaben er zu bewältigen hatte.
Später, als ich dann den Mut dazu gehabt hätte, hat er sich nach der Scheidung (1955) mit seinem Scheidungsgrund sang- und klanglos nach Argentinien abgesetzt.

Meine Mutter hatte schon immer "die Ader", bei uns zu Hause irgendwelche Treffen vorzubereiten und durchzuführen. Wenn wir dann Besuch von Verwandten und Bekannten bekamen, die ja auch aus Sondershausen geflüchtet waren, war das für uns eine willkommene Abwechslung. Es wurden Dinge erzählt, die noch aus der Zeit des Dritten Reichs, dem Krieg und "von drüben" waren , von denen ich aber Einiges nicht so richtig begriff. Einer, der "lange Fröhlich", ist mir besonders in Erinnerung. Na, der konnte Geschichten erzählen! Irgendwie kam auch das Gespräch auf den Rommelfeldzug, in dem die Deutschen den Engländern durch allerlei Kriegslist das Leben schwer gemacht hatten. Nun ja, gewonnen haben wir den Krieg trotzdem nicht.
In dieser Zeit gab es einen oft zu hörenden Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe, weil ich ihn gut und richtig fand: "Man kann uns alles nehmen, aber nicht das, was wir im Kopf haben!"
Fragen durfte ich schon gar nicht, denn "wenn Erwachsene sich unterhalten, müssen Kinder den Mund halten, es sei denn, sie werden gefragt". So einfach war das! Ich lernte, dass Viele den Weg über "die Grüne Grenze" nahmen. Gemeint war natürlich die bewaldete grüne Grenze zwischen der Sowjetischen Besatzungszone und "Trizonesien"(= die drei West-Zonen zusammen als Land). Der Karnevalsschlager "Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien" wurde von den Alliierten verboten, aber trotzdem war er in aller Munde, sogar wir Kinder sangen ihn.

Ein ganz Schlauer war ein alter Schulfreund meiner Mutter, der schon früh mit seinem riesigen Lieferwagen, einer Buchhandlung auf Rädern, die neu entstehenden Industrie-Firmen mit Fachliteratur belieferte. Er war durch Zufall in Neustadt /Thür. geboren und hatte sich einen neuen Personalausweis ausstellen lassen, in dem der Zusatz "/Thür." auf seine Bitte weggelassen wurde. Eine Stadt "Neustadt" gab es aber in jeder der vier Besatzungszonen. Immer, wenn er mit seinem Lieferwagen in eine andere Besatzungszone wollte und sich ausweisen musste, konnte er sagen, er wolle in das Neustadt jenseits der Grenze. Worauf ihm die Einreise erlaubt wurde. Dieser "Mensch", ich nannte ihn Onkel Olwig, war einer von der lauten Sorte, der ständig auf meine Mutter einredete und sie von den ewig geltenden "Wahrheiten" des Nationalsozialismus überzeugen wollte. "An Hitler und seine Bewegung wird man sich noch in tausend Jahren erinnern" hatte er einmal sinngemäß in einen noch nicht beschlagnahmten Band von "Mein Kampf" als Widmung geschrieben, den er freudestrahlend meiner Mutter überreichte. Im tiefsten Inneren ihrer Seele war meine Mutter von Hitlers Ideologie "angesteckt", aber sie behielt es für sich, nicht weil sie sich schämte, sondern weil wir Kinder damit nichts anfangen konnten und in eine neue Welt hinein wuchsen, in der falsch verstandenes Nationalbewusstsein und völkerverachtendes Herrenmenschentum keinen Platz mehr hatten.
Meine Mutter hörte Onkel Olwig auch geduldig zu, denn zuhören konnte sie. Sie erkannte stets die Zwischentöne. Für sie hatte natürlich jede Medaille ihre Kehrseite, und so kam es, dass sie ihren Schulfreund mir gegenüber einmal als "ziemlich verrückt" bezeichnete, was bei ihr schon etwas zu bedeuten hatte. Aber bewirten wollte sie ihn dennoch. Sie hatten schließlich gemeinsam die Schulzeit und das Dritte Reich in Sondershausen/Thür. erlebt, und jene Zeit auch hinreichend "genossen", allerdings auf unterschiedliche Weise und nicht in der gleichen Schule, denn es gab noch Geschlechtertrennung.

Mein Vater hatte noch seine Schwester Gerda und deren Familie in Sondershausen zurück lassen müssen. Unsere Verwandten wollten auch nach Hameln. Der Postverkehr lief wieder. Aber wir mussten alle Brieftexte verschlüsselt schreiben. Die Engländer zensierten jeden Brief. Dies erkannten wir Kinder an dem transparenten Klebeband, versehen mit dem Staatswappen des englischen Königshauses, das jeden Brief "verzierte". Den englischen Text habe ich vergessen, irgendetwas mit "... has been opened by ..." usw. Als alles vorbereitet war und die Engländer alles genehmigt hatten, konnte die vierköpfige Familie der Schwester meines Vaters von Sondershausen nach Hameln übersiedeln. Alle wohnten wir danach sogar in derselben Straße in Hameln. Es war so eine Art Familienzusammenführung.

Eine Fortsetzung ist geplant!

by Lemontree