Mia und Hiltrud

Mia und Hiltrud

Heute möchte ich einmal über Mia und Hiltrud schreiben, denn die Diskussionen über die Todesstrafe im Forum haben mich an Mia und Hiltrud erinnert.
Schon vor einiger Zeit habe ich mich gefragt, was Mord mit mir zu tun hat. Mörder, was sind das für Menschen. Gibt es Mord in meinem Leben außer in Krimis oder in den Nachrichten? Da ist es mir wieder eingefallen, dass während meiner Kindheit in einem kleinen Ort, in dem die Welt "noch in Ordnung" ist, zwei Mädchen umgebracht worden sind, die ich gekannt habe, mit denen ich gespielt habe. Diese Mädchen hießen Mia und Hiltrud.

Wer war Mia, die ca 1969 ums Leben kam? Mia war 14 Jahre alt, ein zartes Mädchen, die zur Realschule ging, und sie lebte in dem selben Ort wie ich. Ich kannte sie und ich wusste sogar wie schön sie Päckchen-Rechnen konnte. Sie trug kurzes Haar und war so alt wie meine Schwester. Sie hatte einen Herzfehler, erzählten die Leute im Dorf immer, aber sie führte ein normales Leben. Mia hatte einen jüngeren Bruder. Ihre Eltern waren ordentliche Leute, sie hatten ein Geschäft im Ort und alle Leute des Ortes gingen dort einkaufen. Ihr Vater ging mit meiner Mutter zusammen zur Schule.

Eines Tages geschah das Unglück. Mia war im Garten, als jemand mit einem Luftgewehr auf Spatzen schoss mitten im Ort. Eine Kugel traf die Garage, sie prallte ab und traf Mia. Mia fiel zu Boden. Der Hausarzt kam, bei dem fast alle Leute aus dem Ort behandelt wurden, und Mia musste sofort ins Krankenhaus. Im Krankenhaus starb Mia an den Folgen. Sie hatte die Schussverletzung, erlitt einen Schädelbasisbruch, sie starb. Niemand wusste zu dem Zeitpunkt was geschehen war. Die Kriminalpolizei kam in jedes Haus, und alle mussten sagen, ob sie Gewehre oder Pistolen haben. Es dauerte nicht lange, dann war es heraus. Mia war von einem älteren Herrn in der Nachbarschaft, der ebenfalls seit seiner Kindheit im Dorf lebte, "umgebracht" worden. Er hatte auf Spatzen geschossen mitten im Dorf und hatte Mia getroffen.
Mia wurde beerdigt und zu der Zeit ging im Ort - wenn ein Kind starb - immer ein Kind in einem weißen Kleid mit einer Kerze vor dem Sarg her. Dieses Kind war ich. Ich ging in meinem Kommunionkleid und einer Kerze vor Mias Sarg her. Ich hatte vorher Streit mit meiner Mutter gehabt, denn ich wollte unbedingt meine grünen Sandalen zu meinem Kommunionkleid bei dieser Gelegenheit tragen. Es war doch Sommer und im Sommer habe ich doch immer Sandalen getragen. Damit konnte ich mich bei meiner Mutter nicht durchsetzen und ich musste die schwarzen Lackschuhe tragen. Ich ging vor dem Sarg her und war über Mias Tod sehr traurig.

Mias Tod war eine Tragödie. Vor Kummer und Gram konnten Mias Eltern das Geschäft nicht weiterführen. Mias Mutter rief oft "Mörder" "Mörder" vor den Leuten auch ihr jüngerer Bruder. Es war wirklich schlimm und der Kummer wollte nicht aufhören. Die Familie zog sich fast ganz zurück. Mias Eltern, die ganze Familie, war wirklich verstört. Es war sehr sehr schwer.

Es war schwer zusammen die Sonntagsmesse zu besuchen. Man traf sich ja im Dorf. Es war einfach alles furchtbar. Ich glaube es hat Jahrzehnte gedauert bis diese Familie sich nach Mias Tod wieder etwas erholt hat. Ganz haben sie sich nie mehr erholt. Mias Mutter ist inzwischen verstorben. Mias jüngerer Bruder hatte viele Probleme im späteren Leben. Als meine Mutter Anfang des Jahres 80 Jahre alt wurde, hatte sie einige Leute aus dem Dorf und der Nachbarschaft eingeladen und auch die Frau von Mias Bruder war zu Gast. Da ich nun schon sehr lange weggezogen bin, sehe ich diese Menschen sehr selten. Mias Bruder hat zwei Töchter mit seiner Frau und als ich die jüngste Tochter sah musste ich sofort an Mia denken, denn dieses kleine Mädchen hat sehr viel Ähnlichkeit mit Mia. Ich erzählte meiner Mutter von meinem Eindruck und sie bestätigte es mir.



Einige Jahre später, ich ging schon zum Gymnasium, war das Dorf erneut in großer Aufregung, denn es hieß die 14-jährige Hiltrud ist weg. Sie war im Nachbarort in der Disko gewesen und war nicht nach Hause gekommen. Man versuchte sie zu finden und viele Menschen halfen mit. Es dauerte etwas, aber schließlich fand ihr eigener Vater sie außerhalb des Dorfes. Sie war tot. Sie war vergewaltigt und erstochen worden. Hiltrud war ein Jahr älter als ich. Wenn ich meine Mutter besuche und mit dem Auto einen bestimmten Weg fahre, fahre ich vorbei an dem Ort, wo man sie gefunden hatte.

Der Mörder war ein Junge aus dem Nachbarort. Er war nur 2-3 Jahre älter als sie. Die Leute erzählten, dass er sie mit dem Messer bedroht hatte, den Berg hinauf "getrieben" hatte aus dem Dorf heraus und dort nahm die Tragödie ihren Lauf.

Hiltruds Vater konnte auch sehr bald nicht mehr arbeiten. Die Leute erzählten, dass er große Schmerzen habe, er hatte sehr bald ganz weißes Haar bekommen. Hiltruds Mutter arbeitete stundenweise in einem Textilgeschäft in der nahe gelegenen Stadt. Manchmal habe ich in ihrer Abteilung etwas gekauft. Sie hat nicht mehr gelacht. Später, als ich schon weg war aus dem Ort, erzählte meine Mutter, dass sie sehr schwer an Osteoperose erkrankte.

Mia und Hiltrud. Sie waren noch sehr jung, sie hatten noch viele Pläne. Sie sind viel zu früh gestorben. Ich glaube nicht, dass ein Richterspruch dieser Welt den Schmerz den ihr all zu früher Tod bei den Eltern und Angehörigen hinterließ, hätte verkleinern können.

Ich bin nicht für die Todesstrafe. Ich wollte heute nur einmal etwas über die Opfer schreiben und es ist mir aufgefallen, dass Mord und Todschlag oft sehr nah ist.

Nachdenkliche Grüße von
Hildegard