Der Vorleser - Buchbesprechung

Von
Bernhard Schlink

Zusammenfassung der Besprechung im "Literaturkreis"

Bei diesem eher schmalen Roman, schmal von der Seitenzahl her verstanden, (und meinte doch einst der gefürchtet Kritiker MRR : " ein Roman unter 500 Seiten ist kein Roman!") handelt es sich seit seinem Erscheinen 1995 um eines der erfolgreichsten Werke der neuen deutschen Literatur, vom Publikum und den Rezensenten gleichermaßen gelesen und gelobt. Das hat man nicht immer! :-)

Dieser Roman, so scheinbar leicht er sich liest, präsentiert sich bei genauerem Hinsehen doch als sehr vielschichtig und komplex, auch wenn er übersichtlich
aufgebaut ist und dem Leser schnell zugänglich scheint.

Die Sprache Schlinks, darin waren wir uns alle einig, erscheint uns klar verständlich und präzise, immer ihrem Gegenstand angemessen, kein überflüssiges Wort. Und sie lässt uns Leser dennoch oder gerade deswegen nicht mehr los. Für Schlink ist die Sprache aber vor allem auch ein Mittel, sich an das Darzustellende heranzutasten und zu differenzieren.
Die Erzähltechnik vermittelt Authentizität und einen intimen Einblick in das Leben und Denken eines anderen Menschen.

In jedem der 3 Teile mit 2x17 und 1x12 Kapiteln, die im allgemeinen sehr kurz gehalten sind, scheint es um ein anderes Thema zu gehen.

- Michaels erste große Liebe zu einer 20 Jahre älteren Frau, Hanna, - seine persönliche Entwicklung - Hannas Macht und Geheimnis

- Hannas Schuld , die verdrängte NS-Vergangenheit, die "Vergangenheitsbewältigung" der Deutschen

- Michaels Leben als erwachsener Mann - seine weitere Auseinandersetzung mit Hanna

Für uns als Leser ergeben sich viele Fragen, besonders die, warum Menschen egozentrisch, aggressiv und böse sein können bzw. sind . Aber wir werden nicht mit fertigen Antworten bedient, auf die Fragen, die sich uns aufdrängen. Ganz im Gegenteil, Schlink stellt vielmehr uns, seinen Lesern Fragen über Fragen. Er fordert uns also auf nachzudenken und für uns selbst einen Antwort zu finden. Das aber heißt nichts anderes, als dass wir, die Leser, aktiviert werden und dass wir in Versuchung geraten, und mit den Personen zu identifizieren.

-Wie hätte ich gehandelt?
-Wie hätte ich mich bei den aufgezeigten Konflikten verhalten?
-Welche ethischen/moralischen Auffassungen von Recht und Leben habe ich?
-Was und wer ist der Mensch? (Von Natur aus gut oder böse?)

Wir werden gezwungen genauer hinzublicken, weil wir unbewusst spüren, dass dieses Buch nicht nur ein Thema hat, sondern viele, geschickt miteinander verwoben.
Und so vielschichtig und komplex das Thema des Buches ist, so vielschichtig und komplex sind Thema und Sprache miteinander verwoben.

Michael ist ein zwischen Sensibilität und Egozentrik hin und her schwankender Mensch, sicher hoch intelligent aber auch ein wenig emotional bequem, vor allem auch verantwortungs- und konfliktscheu.
Von Zweifeln in jeder Hinsicht geplagt ist er , und je älter er wird, desto weniger glaubt er, dass wir mit unseren Mitteln dem Leben gerecht werden und Recht anwenden können.
Hanna, 20 Jahre älter als ihr "Jungchen", älter auch an Wissen um die Unwägbarkeiten und Zumutungen des Lebens, dem Leser rätselhaft oft, muss zwei Geheimnisse hüten. Entschossener als Michael stellt sie sich schließlich ihrer Schuld, zieht am Ende den Tod einem neuen Leben in Freiheit vor.

Was als Entwicklungsroman über die Person Michaels zu beginnen scheint,
was ein Liebesroman über eine skandalöse Liebe zu sein scheint,
was eine Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit zu sein scheint,
was den Analphabetismus zu thematisieren scheint

das endet mit der Frage nach der Möglichkeit überhaupt von Recht und Gerechtigkeit - nach einem Fortschritt auf genau diesem Gebiet: Recht und Gerechtigkeit .
Und vielleicht ist das eine der seltenen Fragen, die Schlink nicht nur stellt, sondern für sich auch beantwortet? Sehr Pessimistisch, wie ich denke?

Das eigentliche Thema also ist nicht der Analphabetismus Hannas und seine Auswirkungen , nicht ob Hannas Leben schuldfreier verlaufen wäre wenn... Auch nicht die Geschichte einer hoffnungslosen, einer verrückten, weil zum Scheitern verurteilten Liebe, die tödlich endet.
Sondern es ist einmal die Entwicklung Michaels und sein Schuldigwerden unter ganz anderen bzw. sehr viel weniger schwierigen Umständen als Hanna sie bewältigen musste.
Vielleicht auch , dass uns allen ein Leben ohne Schuldigwerden gar nicht möglich ist?)
Daneben und zugleich das große Thema der 68er, der Studentenbewegung, die verdrängte Vergangenheit, die Frage nach dem Wissen und der Mittäterschaft, das Thema der Kollektivschuld; der Vorwurf, dass die Auseinandersetzung mit und die Aufarbeitung der Schuld der "Väter" für die "Söhne"
nur ein Vorwand war, ein Vehikel, um der Elterngeneration nicht selber rechenschaftspflichtig zu sein.
Und immer die Frage nach Schuldigwerden, auch ohne aktives eigenes Dazutun, und nach der Möglichkeit von Gerechtigkeit.

Buchbesprechung von Tosca, Mitglied im Tivoli
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