Warten auf ...


Seit Jahren schon saß sie Nachmittag für Nachmittag an einem bestimmten Fenster des Hauses.
Der Blick schweifte von hier weit über den Eingangsbereich des Seniorenheimes, über den Deich hinüber zur unendlichen blaugrauen Weite der Nordsee.
Es war sozusagen der Stammplatz der alten Dame, sie ließ ihn sich auch von niemand streitig machen; richtig giftig konnte sie dann werden, die kleine, sonst so hilflos wirkende Frau mit dem silberhellen Haar.

Und sie war wirklich hilflos, im 94.Lebensjahr, gesundheitlich sehr angeschlagen und auf ihren Rollstuhl angewiesen, die Sehkraft ihrer Augen betrug nur noch knapp 10%, wie ich vom Pflegedienst hörte.
Aber ihr Geist war noch sehr wach, man konnte richtiggehend mit ihr diskutieren. Dann blühte sie regelrecht auf, man spürte förmlich die Energie ihrer Gedanken und es war oft sehr schwer, ihrem Esprit und ihrer Wortgewaltigkeit zu folgen.
Bei den Mitarbeitern des Pflegeheims galt sie eher als schwierig, sie nörgelte an vielem herum und war nur schwer zufrieden zu stellen. Wenn sie bei ihrem Nachdenken am Fenster gestört wurde, schaute sie den Störenfried mit ihren hellblauen Augen strafend an und war dann für lange Zeit nicht mehr ansprechbar.
Das alles erzählte mir eine der Pflegerinnen und zwar in einem respektvollen Ton, der mich doch aufhorchen ließ.

Ich sah diese alte Frau erstmals bei einem der monatlichen Gottesdienste in dem Seniorenheim, zu dem ich aushilfsweise gebeten wurde. Irgendwie beeindruckte sie mich. Später fragte ich dann den alten Pastor, der dort normalerweise die Betreuung der alten Menschen übernommen hatte, nach der Lebensgeschichte dieser alten Frau.

Sie entstammte einem alten schlesischen Landadel, wie so viele andere Menschen verschlug es sie bei Kriegsende in den Westen Deutschlands. Der Ehemann und drei Söhne waren im Krieg gefallen, lediglich der jüngste Sohn war von ihrer gesamten Familie übrig geblieben. Er lebte jetzt irgendwo in Süddeutschland, war verheiratet und hatte zwei Kinder. Als Chefredakteur einer großen Zeitung stand er mitten im Leben.
Auf meine Frage nach Kontakten zwischen Mutter und Sohn wich mir der Pastor aus, er meinte, dass der Sohn wohl seit acht Jahren die Mutter nicht mehr besucht hatte. Es gäbe auch keinen telefonischen Kontakt.
Auf meine fragenden Blicke hin meinte er dann:
"Na ja, das Verhältnis ist wohl ein wenig gestört, er zahlt den Heimaufenthalt für seine Mutter, es fehlt ihr wirklich an nichts. Leider hat er auf meine wiederholten vorsichtigen Anfragen nie geantwortet!
Aber sie wartet immer noch auf ihn, Tag für Tag, Monat für Monat!

Und mit einer fahrigen Geste meinte er dann: "Aber sie hat Verständnis für ihn, er hätte ja so viel zu tun und seine Arbeit wäre doch außerordentlich wichtig!
Ich geriet ins Nachdenken. Was war das? Was muss geschehen, das es so weit kommt? Das wollte ich wissen. Ich musste diese Dame einfach kennen lernen. Ich fragte dann den Pastor, ob er das ermöglichen könne und er sagte mir zu, mich anzumelden.

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Sonntagnachmittag. ich spürte eine sonderbare Aufgeregtheit in mir.
Warum? Ich war pünktlich da, sechzehn Uhr, wie verabredet.
Der Pastor begrüßte mich lächelnd mit einem Händedruck. Die Dame an der Rezeption wusste Bescheid, winkte uns durch.
Er führte mich dann in die erste Etage, zum Zimmer der alten Dame. Nach unserem Klopfen ein zaghaftes "Herein", wir betraten das geschmackvoll individuell eingerichtete Zimmer.
Die Begrüßung zunächst sehr förmlich. Dann eine erläuternde Erklärung meines Begleiters, es war jedoch eher ein Versuch dessen, was er eigentlich sagen wollte.

"Frau Pajonk, ich habe Ihnen hier jemand mitgebracht. Es ist ein Herr, der Ihnen ....."
Weiter kam der Pastor nicht.
Ein heller Aufschrei, einige schluchzende Worte, dann zog sie mich zu ihrem Rollstuhl herunter, betastete mein Gesicht, die wenigen Haare, die mir geblieben waren, umfasste dann meinen Nacken, küsste mich auf die Stirn und flüsterte immer wieder:
"Ich wusste doch, dass du kommst, Eberhard, ich wusste es, ich wusste es!"
Immer wieder diese Worte. Mehrfach wiederholte sich diese Begrüßung, als könne sie nicht genug davon bekommen, ich kam nicht dazu, auch nur irgendeine Antwort zu geben.

Als ich endlich einmal zu Atem kam, wollte ich das Ganze richtig stellen. Der Pastor legte einen Finger auf seine Lippen und schüttelte sachte seinen Kopf.
"Eberhard hat nicht all zu viel Zeit, Frau Pajonk, sagte er dann zu der Dame, "es soll nur eine kleine Stippvisite sein. Bitte haben Sie Verständnis dafür, ja?

Auch ich versuchte dann, einige Worte zu sagen. Aber sie unterbrach mich sofort: " Du brauchst dich nicht entschuldigen, Eberhard, ich weiß doch, das du wenig Zeit hast! Und deine Artikel in der Zeitung lasse ich mir immer noch vorlesen, da hab ich keinen einzigen versäumt!
Und dann: Vielleicht hast du ja nächstes Mal mehr Zeit?

Ich konnte keinen Ton mehr herausbringen. Meine Augen wurden nass, ich holte verstohlen mein Taschentuch heraus.
Der Pastor hatte sich ans Fenster gestellt, ich spürte, wie es in ihm arbeitete.
Dann erzählte die alte Dame von ihrem Alltag im Seniorenheim. Es sprudelte förmlich aus ihr heraus und man spürte, dass ein ungeheurer Druck von ihr genommen war.

Der Abschied war dann eine herzzerreißende Angelegenheit.
Als ich nach der letzten Umarmung ganz leise die Türe schloss, schaute ich noch einmal zu dem kleinen Persönchen zurück. Ein fast mädchenhaftes Lächeln umspielte ihr Gesicht, ihre Hände winkten ganz zaghaft hinter uns her.
Ich denke, länger hätte ich diese Situation sicher nicht ausgehalten.

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Vier Wochen später, nach meinem Urlaub, machte ich mich noch einmal auf, um der kleinen alten Dame abermals einen Besuch abzustatten.
Ich fand sie nicht mehr. Zwei Wochen vorher wurde sie auf dem Parkfriedhof zu Grabe getragen.
Mich hat das sehr berührt und traurig gemacht, aber auch ein bisschen zufrieden. Für zehn Minuten hatte sie einen Sohn! Ich denke im Nachhinein, das war so in Ordnung!

Ach ja, noch eine Bemerkung: Der echte Sohn besuchte seine Mutter dann doch noch...

H.C.G.Lux (Wildgooseman)