Memories are made of this

Das war der Hit von 1955. Immer und immer wieder übte ich als Fünfzehnjähriger auf der Klampfe die dumpfen Akkorde, bis es mir gelang, den Sound einigermaßen zu imitieren. Abends saß ich am geöffneten Fenster und spielte und sang in die Dämmerung hinaus. Schon bald darauf machte man einen deutschen Schlager draus, auf den Text "Brennend heißer Wüstensand, fern, so fern dem Heimatland, kein Gruß, kein Kuss", ("kein Mensch, kein Schwein" verballhornten wir die Schnulze irgendwie). "Wie lang bin ich noch allein?"

Was hab ich nicht alles an Memories, an Erinnerungen gespeichert? Ganze Nächte lang könnte ich erzählen, und alles sehe ich bunt und lebendig vor mir, als sei es gestern gewesen. Und das Schönste ist, aus diesem Paradies kann mich niemand vertreiben. Immer, wenn"s mir saudreckig geht, dann ziehe ich mich dorthin zurück. Die Dankbarkeit, die mich dann überkommt, ist wie eine Droge. Sie macht mich high. Wie gut geht es mir heute, rein materiell natürlich, blicke ich auf die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück!
Von den bescheidenen Badefesten habe ich schon berichtet. Als leidenschaftlicher "Warmduscher" genieße ich heute den Komfort von 2008, heißes Wasser mit vollem Strahl, am liebsten in einem schönen Thermalbad mit anschließendem Versinken in der körperwarmen Brühe bis zum Hals.
Bis zu meinem 13. Lebensjahr kannte ich überhaupt keine warme Dusche. In den heißen Sommern nach 1945 gab es die kalte Dusche im Schwimmbad. An einem turmartigen Holzgestell hing eine große blecherne Tonne. Man zog an einer Schnur, und der Inhalt ergoss sich durch den Brausekopf über den kleinen, blau gefrorenen zitternden und bibbernden Körper. Blau gefroren, warum? Weil das Wasser in der Badeanstalt allenfalls von der Sonne erwärmt war und weil wir solange darin tobten, bis irgendjemand sagte: "Du musst fei amoll raus und dich aufwärmen. Du hast ganz blaue Libbm!" Da hatten wir schon etliche Zentiliter von der ungechlorten Emulsion geschluckt. Diese, die sich während einer Hitzewelle beträchtlich mit menschlichem Schweiß und Urin anreicherte, wurde alle drei Wochen, wenn sie allzu grün und undurchsichtig geworden war, abgelassen. In den ersten Tagen nach dem neuen Befüllen des betonierten Beckens war das Wasser besonders erfrischend.
Was machten wir während der drei bis vier Tage, da unsere Badeanstalt gereinigt wurde? Wir radelten bis zur benachbarten Stadt, sieben Kilometer auf staubiger, ungeteerter Landstraße. Der Reifenverschleiß durch die spitzen Schottersteine war enorm. Immer wieder hatte man einen "Platten" und musste schieben, ein ganz besonderes Vergnügen, wenn die Sonne vom Himmel knallte oder wenn das Donnergrollen bedrohlich lauter wurde und die ersten Blitze zuckten. Da hätte im Fall eines Falles auch ein Helm aus Plaste nichts genützt, den übrigens keiner von uns hatte. Einen alten Soldatenhelm aus Stahl fanden wir irgendwo auf dem Dachboden und benützten ihn zum Spielen, oder auch einige Gasmasken, die wir wegen der großen Augengläser und des runden Nasenstücks, das an einen Saurüssel erinnerte, besonders gruselig oder auch lustig fanden und mit denen wir uns gegenseitig erschreckten.

Das Fahrrad des Vaters oder der Mutter war ein widerspenstiger alter schwarzer Bock, mit nur einem Gang und einer schlecht funktionierenden Handbremse. Man musste sich voll auf den Rücktritt verlassen. Im August 1950, da war ich zehn und so dünn und zart, dass man aus meinem heutigen Körper leicht drei von der Sorte machen könnte, radelte ich mit einem solchen Drahtesel in Begleitung meines Vaters von Franken ins Allgäu, um dort seine Mutter, meine geliebte Großmutter, zu besuchen. 180 km in zwei Tagen. Radwege gab es nicht. Die großen überregionalen Bundesstraßen waren fast leer. Risikoloses Genussradeln, da wo man heute Todesängste ausstehen würde. Die gefährlichste Situation ergab sich irgendwo zwischen Altmühl- und Donautal, die Einfahrt in ein Dorf, das am Ende einer langen Gefällstrecke lag. Durch viele Anstiege mit Schieben ("Wer sein Rad liebt, der schiebt", so lauteten die höhnischen Kommentare mancher Beobachter, die einem bergab entgegenkamen) in Rage gebracht, genoss ich die kilometerlage Abfahrt und ließ mir den heißen Sommerwind um die Ohren wehen. Ich hätte jauchzen mögen vor unbändiger Lust. Doch "Wer weiß, wie nahe mir mein Ende!" In einer recht unübersichtlichen Kurve stellte sich plötzlich ein Hindernis in Gestalt eines landwirtschaftlichen Gespanns in den Weg. Ein Bäuerlein hatte, wie es damals der Brauch war, seine Kühe eingespannt, um aufs Feld zu fahren. Es ging um Zentimeter. Durch den Schwung, den ich noch hatte, weit in die Straßenmitte hineingetragen, flog ich haarscharf am linken Horn der sogenannten Leitkuh vorbei. Mein Vater war um einiges voraus, er hatte nichts mitbekommen. Ich habe es ihm nie erzählt.