Die "Mutter"

Die "Mutter"
Bei der Zeitungslektüre erfuhr ich neulich, dass ich nach amerikanischer Lesart ein "Bestager" bin, also einer im besten Alter. Nur noch ein Dutzend Jahre etwa, dann gehöre ich zu den Senioren, zu den unwiderruflich Alten. Das sind in Amerika die ab 80.

Nach dieser Terminologie war ich mit 16 ein "Worstager", ein ganz schlimmer Teenager. "Worst" ist der Superlativ von bad und heißt "das Schlechteste, das Schlimmste".

Als ich 1956 so ein Halbstarker war ("Sie küssten und sie schlugen ihn"), da sagten meine Eltern manchmal zu Freunden und Bekannten, wenn sie meine Eskapaden entschuldigen wollten: "Wisst ihr, der ist halt jetzt im schlimmsten Alter".
Die "Bestagers", also Leute in meinem Alter, haben, rein statistisch gesehen, das meiste Geld und die meiste Zeit. Sie reisen viel und sind die besten Kunden der Pharmaindustrie; Viagra und so. Nur an Enkeln und Enkelinnen fehlt es ihnen manchmal, am meisten in Deutschland und in Japan. Die japanische Industrie hat Puppen in Enkelform auf den Markt gebracht, für ca. 45 Euro das Stück. Zehntausend solcher Plastikenkelchen gingen allein in drei Monaten über den Ladentisch. Da sieht man erst, was meine Großmutter Geld gespart hat. Die bekam die Enkelchen gratis, eins nach dem anderen. Zwölf Stück und mehrere Urenkel hat sie aufwachsen sehen, was für eine Gnade!

"Großmutter" haben wir als Kinder nie gesagt, den Ausdruck "Oma" kannten wir nicht einmal. Für uns war sie nur die "Mutter". Keine Bezeichnung passt besser. In ihrem Haus lebten zeitweise siebzehn Personen, ohne Streit. Es sei denn, es krachte mal. Danach war Mann (Frau) wieder friedlich. Es gab kein wochenlanges Glotzen oder Schikanieren in der Art "Drehst du dein Radio auf volle Lautstärke mit bayerischer Volksmusik, terrorisiere ich dich mit "See you later, alligator", dass die Fensterscheiben klirren." Selbst vor dem Klo auf dem Hof ging es gesittet zu. Da drängte sich keiner vor.

Für alle war die Großmutter die "Mutter", die Mutter fürs ganze Haus, der Dreh- und Mittelpunkt des gesamten Geschehens. Sie hatte den Schlüssel für den "B"hälter", einen halbhohen Schrank mit Drahtgittertüren, hinter denen die köstlich duftenden "Schlotengeli" hingen, die schwarz geräucherten Bratwürste, die lange reichen mussten. Irgendwie gelang es mir einmal, eine zu stibitzen, die ich gleich ohne Brot verzehrte. Ich brauchte nicht einmal Ketchup dazu, von Pommes ganz zu schweigen.

Der Platz der "Mutter" war die Küche, ein düsterer kleiner Raum mit einem riesigen Schlot zum Räuchern von Schinken und Würsten und einem großen eisernen Herd mit mehreren Kochplatten sowie einem Kessel. Das kleine Fenster ging nach Süden, auf den Hinterhof. Rollo war keins dran. An der Wand, an die der Kuhstall grenzte, befand sich ein Trog für die Zubereitung des Schweinefutters. Die Küche, die "Mutter" mit Kopftuch und vielen Röcken übereinander, mit dicken Holzpantoffeln, Herd, Kienspäne, Feuer, Wurstkessel, Räucherschlot, das war für mich alles eins. Sie kochte abwechselnd Brotsuppe, Nudelsuppe, Schweinefleisch mit Kraut, Leberwürste mit Kraut, Ebbirnstopfer alias Kartoffelpüree. Letzteren gab es mit ein paar Blättern Kopfsalat, zerlassenem Schmalz darüber und kleinen gerösteten Speckwürfeln.
Ihre "Baunzeln", in Schweineschmalz gebackene Kartoffelpuffer in Stangenform, waren eine Delikatesse. Schon der Gedanke an den Duft und die schöne braune Kruste lässt mich heute noch die Augen verdrehen. Wäre die Großmutter in jungen Jahren nach Amerika ausgewandert und hätte sich auf "Baunzeln", spezialisiert - "GRANNY"s BOUNCELS" - ihre Nachfahren hätten heute tausende von Restaurants und zehntausende von Mitarbeitern. Die Amerikaner wären viel gesünder, weil der Hamburger überhaupt keine Chance gehabt hätte. Außerdem ginge es der Umwelt besser, weil es nicht so viel Methangas produzierende Rinder gäbe. Meine Großmutter hätte die Welt retten können, wenn, ja wenn sie ausgewandert wäre. Aber sie blieb in ihrem kleinen, mittelfränkischen Dorf und schenkte dem Großvater, einem kleinen, ewig hustenden Männlein sieben Kinder. Nur sechs überlebten. Eines wurde im zarten Alter aus Versehen von den größeren erdrückt, beim Schlafen, weil eben nicht jedes sein eigenes Bett hatte. Den Schreck am frühen Morgen kann ich mir gut vorstellen, o du guter Welt naa, o Lieberla naa!
Als ich geboren wurde, waren alle ihre Kinder schon erwachsen und bis auf einen Sohn verheiratet, meine Eltern gerade mal fünf Monate. Die kniende Mama sagte demnach wohl nicht "Ja, ich will" zum Pfarrer, sondern "Nein, ich muss!"

Wenn die "Mutter" nicht kochte, zerstampfte sie Kartoffeln für die Sau. Der Trog stand in der finstersten Ecke der Küche. Wie sie dort ein Leben lang arbeiten konnte, ist mir, der ich es nicht hell genug haben kann, ein Rätsel.
Wenn sie nicht in der Küche war, saß sie in der Wohnstube und strickte. Ihre in Heimarbeit hergestellten Wollstrümpfe waren derb und warm. Sonntags zog sie den besten schwarzen Rock, den sie hatte, über ihre zahlreichen Unterröcke an, dazu eine saubere, frische Bluse, und darüber ein Wolljäcklein, und ging zur Kirche.

Danach saß sie zur Feier des Tages noch am Esstisch und las in einer Bibel mit großer Schrift oder einem Andachtenbuch, das für jeden Sonntag eine ausführliche Predigt enthielt. Dabei bewegte sie die Lippen und fuhr mit dem Finger die Zeilen ab.

Mehr brauchte sie nicht. Keinen Urlaub, keinen Sport, kein Hobby, keinen Verein, kein Radio und kein Fernsehen, keine Pille und keine Kosmetik.
Die Küche und die Wohnstube. Ich kann sie mit keinem anderen Ort in Verbindung bringen, weil sie sonst nirgends irgendwann einmal war. Einmal im Krankenhaus wegen einer Gallenblasenentfernung und ein paar Mal zu Besuch bei meiner Mutter, als wir ausgezogen waren. Dort erzählte sie mir bei eingeschaltetem Tonbandgerät aus ihrem Leben. Als junge Bauernmagd in ein paar Nachbardörfern, gedungen, d. h. zur Dienstleistung verpflichtet, ansonsten ansässig nur in dem Dorf, wo sie geboren ist.

Geboren am 10. Juli 1883 um neun Uhr vormittags, der Vater "Gütler". Getauft am 14. Juli um 14 Uhr. Es gibt kein Video und kein Foto. Einzig und allein meine Fantasie hilft mir dabei, mir die winzig kleine Margarete Barbara, die später "Babettla" genannt wurde, vorzustellen auf dem Arm ihrer Taufpatin, der Schwester des Kindsvaters.

Aus Franken ist sie nie hinausgekommen, nicht einmal aus ihrem Landkreis. Vereinzelte Male war sie mit dem Zug in der Kreisstadt, um sich mit ihrer ältesten Tochter zu treffen. Dort schätzte sie ein Café in der Stadtmitte wegen des guten Gebäcks.

Gebäck, das war überhaupt ihre Leidenschaft. Zum Bäcker musste ich und zehn Nusshörnchen holen oder zehn Maultaschen. Neun davon verschwanden, nachdem ich in Naturalien entlohnt worden war, in den unergründlichen Tiefen ihrer vielen, übereinander getragenen Röcke und wurden nach und nach heimlich verspeist, bevor sie zerbröselten.

Alles, was sie aß, musste weich sein wegen der fehlenden Zähne, schon mit sechzig, im "best age". Das gäb" eine Gaudi, wenn die Bestager heute alle so rumlaufen müssten. Vielleicht schafft"s ja die Gesundheitsministerin noch.
Für sie jedenfalls war eine Zahnprothese finanziell nicht drin. So aß sie von den Riesenlaiben Brot, die sie buk, nur das Innere, das Weiche. Die Rinde wurde sauber abgeschnitten und in der Esstischschublade gelagert. Daran erlabte ich mich ab und zu. Auch der Großvater mümmelte mitunter drauf rum. Die schöne, dunkelbraune Brotkruste war unser Kaugummi. Dabei stillte sie auch noch den Hunger.
Was die "Mutter" nicht mochte, war Gaaßmilch, Ziegenmilch. Schon bei dem Gedanken daran schüttelte sie sich. Ich hatte als Kind vier Ziegen, zwei alte und zwei junge, und trank die körperwarme Ziegenmilch frisch vom Euter weg. Das war für meine Radtouren - im zarten Alter von zehn fuhr ich mit meinem Vater an zwei Tagen, mit einem Gang, bis ins Allgäu, um die Memminger Großmutter zu besuchen - jedenfalls besser als das Zeug, was der Jaksche und seine Radfahrerkollegen eingenommen haben. Im Gegensatz zu Testosteron, von dem mein Körper ab dem 14. Lebensjahr selber genug produzierte, so dass ich es mir nicht einspritzen lassen musste wie die armen Radsportler, hatte die Ziegenmilch auch noch den Vorteil, dass sie friedlich macht und nicht aggressiv. Dieser Tage hat sogar eine prominente Olympiasiegerin auf den leistungssteigernden Effekt von Ziegenmilch hingewiesen.
Bis in die fünfziger Jahre hinein war meine Mama in der Wohnstube der "Mutter" so gut wie zuhause. Also lagerte sie auch einmal ein Stück Kuchen, das sie mit Geißmilch gebacken hatte, in der Lade der Großeltern. Die Großmutter aß davon und auch einer ihrer Söhne, und da sie nicht wussten, wie dieser zubereitet war, fanden beide auch noch Gefallen daran. "Wer hat denn den guten Kuchen gebacken?" fragte mein Onkel. "Mensch, war der gut!" Und die "Mutter": "Ja, der woor arch guet!" Ich weiß nicht mehr, wer ihnen die Schreckensbotschaft überbrachte. Jedenfalls hat sie es überlebt, ca. vierzehn Jahre.
Die Wohnstube hatte vier Fenster, zwei nach Westen und zwei nach Norden, und ragte weit in die Hauptverkehrsstraße hinein. Das war kein Problem, denn es gab kaum Kraftfahrzeuge. Allerdings kann ich mich auch nicht erinnern, dass ein Fenster häufig offen gewesen wäre. Selbst im Sommer lüftete man nur sporadisch, z. B. wenn man stöberte, d. h. die Bude auf den Kopf stellte. Das Stöberfieber brach im ganzen Haus regelmäßig aus, wenn die Frühjahrssonne wärmte.
In der Stube vor den Fenstern waren hölzerne Bänke, auf denen ich gerne kniete, das Kinn auf dem Fenstersims in beide Hände gestützt, um das Geschehen auf der Straße oder in der Grünanlage gegenüber zu beobachten. Es gab immer etwas zu sehen. Mindestens jede Viertelstunde kam ein Fuhrwerk vorbei. Die grünen Bäume im Sommer, die tief verschneite Straße im Winter; es war ein wunderschönes Bild, ein einziges Programm, aber vollauf genügend. Nicht im Traum wäre es meinem Großvater, der sich manchmal zu mir gesellte, oder mir eingefallen, zu zappen. Wir genossen es, Zeit und Langeweile zu haben.

Non, je ne regrette rien.
Heute hat man tausende von verrückten, schrillen, brutalen Bildern im Kopf, und das jeden Tag, bis weit in die Nacht hinein! Das kann nicht gut gehen.
In einem Erinnerungsfetzen sehe ich ein paar junge Mädchen, wahrscheinlich Schülerinnen des Gymnasiums, die erst verwundert auf das Fenster schauten und dann in prustendes Lachen ausbrachen, wahrscheinlich weil der Großvater an jenem Tag nicht rasiert war und sich dadurch seltsam abhob von dem Milchgesicht neben ihm.

Hinter uns am Tisch saßen die strickende "Mutter" und ihre ledige Schwester, die Lena, emsig an ihrer Handnähmaschine kurbelnd. Die Tante Lena hatte keinen Ernährer und musste für sich selber sorgen. Und für ihren Buben, bis dieser auf eigenen Füßen stand. Im ersten Weltkrieg war ihr Liebster "gefallen", wodurch die Hochzeit ausfiel. Danach wollte sie keinen mehr und wurde frömmer und frömmer. Die Predigt des Pfarrers wurde interpretiert oder es gab News mit Kommentaren und Glossen aus der Gemeinde. Die große Uhr an der Wand tickte, mahnend und beruhigend zugleich. Dieses Ticken machte Sinn. Heute ist nirgends etwas davon zu hören, dass die Zeit verrinnt, unwiderruflich. Wir haben sie ja auch längst totgeschlagen. Es gibt keine Zeit mehr. Jeder, den man fragt, sagt, er habe keine. "Hab keine Zeit" allenthalben. Ja, du lieber Gott, wer hat denn eine? Überall Fehlanzeige. Dabei ist es so einfach. Man braucht sie sich nur zu nehmen. Sie kostet nichts.
Falsch, sagt der Macher, "Zeit ist Geld".