Die Kärwa


"Und auf die Kerwa freier mi,
do danz i mit der Baieri,
die hat a zrissns Hemmerd uh,
do hängi mi hindn dru."
Das heißt: "Und auf die Kirchweih freu ich mich, da tanze ich mit der Bäuerin, die hat ein zerrissenes Hemd an, da häng ich mich hinten dran."
Wer eine echte fränkische Kirchweih, eine Kerwa oder Kärwa erleben möchte, der sollte dieser Tage nach Fürth kommen, nach Färd, wo heute die Michaelis-Kirchweih stattfindet. Neben fränkischen Gaumenfreuden, die man genießen kann und fränkischem Brauchtum, das es zu sehen gibt, werden dort auch fränkische Kirchweihlieder zu hören sein.
Diese sind ein Gedicht, buchstäblich. Die meisten jedenfalls. Vor allem auf den Dörfern in Mittelfranken werden sie noch gesungen, rau und hemmungslos von den Kerwabuben, ein bisschen schüchtern und unsicher von den inzwischen überall mitfeiernden Kerwamadli. Wer nicht mehr pubertiert, überlegt natürlich. Soll Mann den Zuhörern die deftigsten ersparen?
Sicher, es gibt Grenzen. Allzu eindeutige sind nicht jedem Publikum zumutbar. Die Texte sollten immer schön in der Schwebe bleiben, mit Metaphern arbeiten, so dass jeder Zuhörer und vor allem jede Zuhörerin lachen kann. Das zeichnet ein gutes Kerwalied aus.

Auf den kleinen Dörfern ist es oft am schönsten. Voriges Jahr, "fährtn", sagte meine Großmutter, feierten sie nach dem Aufrichten des Kirchweihbaums in einer großen Maschinenhalle. Unter anderem trat der Kindergarten auf mit einer engagierten Kindergärtnerin.
"Und wenni solche scheene Madli sich,
no wünsch ich mir bloß aans:
dass mers all der Blitz ins Bett neihaut,
no wär ich net allans."
"Und wenn ich solche schöne Mädchen sehe, dann wünsche ich mir nur eines, dass sie mir alle der Blitz ins Bett hinein haut, dann wäre ich nicht alleine."
Oder:
"Und mei Kimmerling braung an Reng,
und mei Waaz, der braucht an Sunnaschei,
und ich werr a Schootzela krieng,
braucht net vo doorum sei."
Auf gut Deutsch: "Und meine Kümmerlinge (das sind Gurken) brauchen Regen, und mein Weizen, der braucht Sonnenschein, und ich werde ein Schätzchen kriegen, sie braucht nicht von da herum (von hier) zu sein."
"Maadla um deinetweng
führ ich ka traurigs Lebm,
hob scho viel schennera
Mist braatn seng."
Mädchen, um deinetwegen, also dir zuliebe, führ ich kein trauriges Leben, ich habe schon viel schönere (Mädchen) Mist breiten gesehen, d. h. ihnen zugeschaut, wie sie den organischen Dünger auf dem Feld ausgebreitet haben.
Es ist zu putzig, wenn die Kleinen das lauthals singen, oft mit ganz ernsten Mienen.
Der Franke bzw. die Fränkin hier in der Region kennt die Texte und muss doch immer wieder lachen, wenn er bzw. sie sie hört. Viel liegt an der Art des Vortrags. Es kommt nicht darauf an, was man singt, sondern wie man es rüberbringt. Die Leute werden in eine überschaubare, kuschelige, längst vergangene Welt entführt. Oft haben sie den Krawall satt, die jeden Spaß tötenden Verstärkeranlagen im Bierzelt oder auf dem Festplatz. Da kommt keine Kirchweihstimmung auf.
Als ich ein Kind bzw. Jugendlicher war, saßen wir vor dem Wirtshaus auf hölzernen Bänken, und der Zwick aus "Windschba" spielte auf, er selber den Bombardon, also die Basstuba, seine Freunde dudelten dazu mit Klarinetten, schmetternden Trompeten und einer Zugposaune. Manchmal kam noch ein Akkordeon hinzu.
Am schönsten war es am Kirchweihmontag beim Frühschoppen. Da ging das Singen von Kirchweihliedern reihum. Die angesehensten Bürger ließen sich dazu hinreißen, ein Verslein zu singen, a cappella versteht sich. Nach jedem Vers wurde die Melodie von der Musik wiederholt, so dass nun auch die anderen mitsingen konnten.
"Vo do drunt bin i raus,
wuu der Schlot su schee raucht,
truije truije truije juhu,
s Karessiern hobbi glernt,
hobb kaan Schulmaster braucht."
Von dort unten stamme ich her, wo der Kamin so schön raucht, das Karessieren (Liebkosen, französisch "caresser" ) habe ich gelernt, habe dazu keinen Schulmeister benötigt.
Die schönsten Texte vermitteln den Eindruck, hier singe ein armes Bauernbüblein, das sich einmal im Jahr kräftig amüsieren darf: an der Kirchweih. So war es in der Tat. Das bäuerliche Leben war hart und karg. Nur am Kirchweihfest, fränkisch "Kerwa"" bayerisch auch "Kirta" =Kirchtag, im Schwäbischen und Hessischen als "Kirwe" oder "Kirbe" auftauchend, konnte man sich ein bisschen amüsieren, etwas Gutes essen, Bier oder Wein trinken und tanzen.
Ohne "Madli" war es natürlich halb so schön. Sie waren der Schmuck des Ganzen. In ihren schönen Kleidern spazierten sie auf dem Festplatz herum oder stiegen auch schon mal in die Schiffschaukel. Die dazugehörigen Töne werde ich bis an mein Lebensende nicht vergessen: die Drehorgel des Karussells, die Glocke, mit der der Schausteller das Ende der Schiffschaukelpartie einläutete, das Lachen und Kreischen der Mädchen, wenn am Wendepunkt der Schaukel der Magen wegrutschte und sich die Füße leicht vom Boden des kleinen Schiffleins hoben. Oft stand ich unten und genoss die wehenden bunten Röcke samt den dazugehörigen schneeweißen Petticoats. Und hatte Mann Glück, so erspähte man noch ein bisschen mehr.
Manchmal stieg einer von den Kerwabuben, strotzend vor Kraft und von einer Maß Bier zu Heldentaten aufgelegt, in die Überschlagschaukel. Dann wetteten wir Kinder, ob er es schaffen würde. Spannend war es, wie er sich hochschaukelte, irgendwann senkrecht auf dem Kopf stand, "no a Drückerla" (noch ein Drückerlein, ein bisschen Anstrengung), nein, es reichte noch nicht, aber beim nächsten Aufschwung war es geschafft, der Point of no Return wurde überschritten, und nun ging es wie geschmiert. Bis zu zwanzig Überschlägen schafften manche, die Helden des Tages noch mehr. Wie ein Automat drehte sich die Überschlagschaukel um ihre Achse. Wenn der von allen Mädchen (und kleinen Buben) Bewunderte endlich ausstieg und wieder festen Boden unter den Füßen hatte, musste man ihm ausweichen, denn er schwankte von einer Seite auf die andere und fegte alles hinweg, was im Wege stand. Mit einem rauen Kerwalied aus voller Kehle
"Oh Madla, doo schau her,
mir wächst a Schüwela Hoor am Bauch""
zog der Spätpubertierende, umringt von seinen Freunden, ins Wirtshaus. Das waren schöne Zeiten.
Noch eine kurze Betrachtung zu unserem Dialekt. Eine Mundart zu beherrschen heißt eine Heimat zu haben. Das Verkleinerungssuffix "-lein" erscheint bei uns als "-la" im Singular. Der Franke kennt kein "-chen". Ein kleines Haus ist also ein Heisla, ein Garten ein Gärtla, ein Kalb ein Kälbla, ein Schaf ein Betzela, ein kleiner Gockel ein Giegerla. Der Fritz ist das Fritzla und die Babette das Babettla. Der Plural geht bei uns auf "li". Also Mädchen sind Madli, Bürschchen Bürschli, Bübchen Büebli:
"O ihr arma Kerwabiebli,
o ihr arma Schluggerli,
messter nix wi Ebbirn fressen
wie die klaana Suggerli."
Das heißt "Oh ihr armen Kirchweihbübchen, oh ihr armen Schluckerchen, ihr müsst nichts als Kartoffeln (Erdbirnen) essen wie die kleinen Suckelchen (Ferkelchen)."
Damit machte sich der reiche Bauer z. B. über die Söhne der armen Häusler lustig, die sich vielleicht nicht einmal an der Kirchweih ein Scheifela, ein Schäufelchen oder ein paar Bratwürste leisten konnten. Ich kann ihn mir schon vorstellen, wie er da sitzt vor einem vollen Teller und ihm vom Kinn das Fett hinabtropft und er sein Spottverslein singt.
Dafür war der Sohn des Armen unbekümmert nach dem Motto "Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich"s gänzlich ungeniert":
"Dass ich a lustigs Berschla bin, des sicht mer an mein Haus,
ja, der vorder Giebel wackelt scho, der hinter licht scho draus.
Ja, und daß des Haus net eifalln konn, do is scho gsorcht derfür,
wall hintn hats die Hypothek und vorn der Grichtsvollzieher."
In Oberfranken übrigens geht auch der Plural auf "-la"" es heißt also sowohl die Einzahl wie auch die Mehrzahl "Madla". Das Madla, die Madla. In Bamberg gibt es scheena Madla.

Mit einem schönen Kerwalied soll meine Betrachtung enden. Von jeher ist es so gewesen, dass Männer manchmal nicht erhört werden und abblitzen. In so manchem Kerwalied wird die Enttäuschung über einen Korb verarbeitet. Man muss sich ja seinen Kummer von der Seele singen (vgl. das obige Lied von der Schönen, die den Dünger ausbringt und offenbar zahlreiche Konkurrentinnen hat. Es gibt die Weinkönigin und die Apfel-, die Kraut- und die Spargelkönigin. Man könnte noch die Misthaufenkönigin wählen, d. h. die Bauerntochter, welche die beste Figur macht, wenn sie barfuß und im knappen Rock und zu kurzen Top, so dass der gepiercte Nabel zur Geltung kommt, mit der Mistgabel auf dem Misthaufen steht (es gibt schon ähnliche Kalender, von der Landjugend publiziert). "Habe schon viel schönere Mist breiten sehen." Der Bub will damit sagen, dass er sie, nachdem sie ihn nicht erhört hat, gar nicht mehr so attraktiv findet und dass andere Mütter auch schöne Kinder haben.
So auch dieses:
"Geh wech vo mir, ich mooch di net,
ich sooch ders aa, worum,
du hast an zrissna Unterrock
und deine Baa sin krumm."
(Hinweg von mir, ich liebe dich nicht, ich sag dir auch warum, du hast einen zerrissenen Unterrock an und deine Beine sind krumm).
Typisch Macho. Erst ist frau das Objekt seiner Begierde, und dann wird sie schlecht gemacht.
Heutige Teenager, die bei Rock eher an Musik denken, wissen vielleicht gar nicht, was ein Unterrock ist. Meine Großmutter hatte deren drei oder vier an, je nach Jahreszeit. Dafür verzichtete sie allerdings ihr Leben lang auf ein anderes, oft wichtiges Teil der femininen Unterwäsche. Aber das ist heutzutage auch wieder in. Immer wieder erwischen die Paparazzis irgendwelche prominenten Schönen, wenn sie am frühen Morgen in einem viel zu knappen Rock aus der Disco kommen und ins Auto steigen.
So locker war es in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht. Spitzte bei einem Mädchen auch nur der Unterrock ein wenig hervor, so sagten die Freundinnen zu ihr "Pass auf, es blitzt!" oder "Bei dir blitzt"s!" Dann wurde die Betreffende rot und kicherte verlegen.
Ach, dass man schon so alt ist!

Zarte, knusprige Knospen!

Voller Vorfreude umfahre ich mit den Lippen die zarte braune Knospe, die ein Teil des prallen, kissenförmigen Gebildes ist. Ich atme den süßen, betörenden Duft ein. Nun knabbere ich zärtlich mit den Zähnen an dem leicht schrundigen Auswuchs. Meine rechte Hand streichelt liebkosend über die schöne, perfekte Rundung der Oberseite des wohlgeformten kleinen Kissens, das sich dahinter wölbt. Ich drücke ein bisschen darauf und genieße dessen Weichheit. Süß, verlockend, unwiderstehlich - ich bin ein König, dem es an nichts fehlt, wenn ich so etwas in Händen halte. Gleich werde ich die erste Knospe vernaschen. Das ist aber erst ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt. Denn nach der ersten kommt eine zweite Knospe und, und ....
Dann nach eine dritte und eine vierte, denn ein Kerwaküchla hat Gott sei Dank vier Ecken.