London, einmal anders gesehen

oder
Ich war (fast) eine Minderheit


London, eine wenn nicht gar die Weltstadt, der "Guardian" schrieb so schön: "die kosmopolitischste Stadt der Welt". Also noch vor New York, Paris, Rom, vor Zürich? Erst recht vor Berlin oder Hamburg?
"The big apple", die Stadt an der Seine und die "Umgebung des Vatikans" habe ich noch nicht besucht, wohl aber war ich des öfteren an der Limat, an Elbe und Alster und habe es bisher vermieden, einen Koffer an der Spree zu vergessen. Wenn man wie ich heute aus der tiefsten Provinz kommt erwecken diese Städte schon den Eindruck, dass sich hier die große weite Welt ein Stelldichein gibt.
Vor drei Wochen dann ein Flug vom die Kleinstadtpomeranze beeindruckenden Flughafen Düsseldorf zu einem 3-tägigen Kurzbesuch in der Stadt an der Themse. Im Flugzeug waren wir "Weiße" noch unter uns, aber nach der Landung auf dem Moloch Heathrow wähnte ich mich schlagartig nicht mehr in Europa, und das nicht nur, weil in Great Britain kein Euro gilt , man links fährt und offensichtlich alles andere spricht als Englisch! ;-) Ich machte eine andere Erfahrung:

Ich sah mich plötzlich als Ableger der Mitteleuropäischen Menschheit eindeutig in der Minderheit, auffallend in der Minderheit, und das nicht nur als Reisende. Das Personal in den Flughafenläden, den Bars, den Restaurants, das Personal der Airlines, die Servicemannschaften und Sicherheitsdienste, Menschen aus aller Herren Länder, Engländer eindeutig in der Minderzahl.
Das, so mag man mir entgegen halten, sei bei einem internationalen Flughafen nun doch wirklich nicht weiter bemerkenswert, und das sagte ich mir auch und konnte mich gar nicht satt sehen , war fasziniert, habe es genossen- einerseits- und nahm es den "mehrfarbigen" Vertretern von British Airways nicht weiter übel, dass ich ihr Englisch nicht verstand ;-) (sie es mir auch nicht!) Andererseits beschlich mich ein merkwürdiges Gefühl, ein wenig in der Art, hier fast eine Exotin zu sein. Eine Minderheit.

Die Fahrt nach Kingston bzw. Hampton Court führt nicht durch die Viertel der besser betuchten Londoner, der "upper class" sie führt bsplw. durch Hounslow, einen Stadtteil Londons, der aber ganz bestimmt auch nicht zu den sozialen Brennpunkten, den Slums gerechnet werden kann wie bsplw. Newham oder Tower Hamlets, mit einem ca. 80% igen Anteil an nicht weißen, vor allem muslimischen Einwohnern. Hounslow dürfte von seinen Bewohnern als bürgerliche Mitte empfunden werden, als ganz normal britisch. Aber unverkennbar bewegen sich mehr Menschen unterschiedlichster, nicht europäischer Ethnieen dort geschäftig durch die Straßen und warten an den Bushaltestellen als Briten. Auffallend viele Inder, Pakistani, Sikhs, Nordafrikaner, Schwarzafrikaner, Tamilen...der Kleidung nach zu schließen viele Moslems. Sariträgerinnen neben gepiercten Teenagern in nabelfreier Jeans, Tschador neben Faltenrock und Strickjacke, Kaftan neben Kasack und Tunika neben Straßenanzug.
Auf der Fahrt mit dem Zug von Hampton Court nach Waterloo Station, auf dem Bahnhof und dann in der City, das selbe Bild, ein buntes Völkergemisch. Bis zur Rush Hour sicher sehr viele Touristen, aber dann die Angestellten der Büros, der Banken, der Versicherungen...

Inzwischen weiß ich, dass in etwa jeder 3. Einwohner Londons irgendeiner ethnischen Minderheit angehört. Viele Minderheiten geben irgendwann mal eine Mehrheit, im Falle Londons eine größtenteils farbige Minderheit die mir im Straßenbild der Gegenden, in der ich mich aufhielt, als Mehrheit erschien, 2 Mio. Menschen und keine Sprache der Welt und keine Religion, die nicht darin vertreten wäre.
Doch was anderswo massive Ängste auslösen würde, scheint diese Stadt ohne aufgesetzte Multikultisozialromantik mit nüchternem Geschäftssinn als ihre Zukunftschance begriffen zu haben. Londons Wirtschaft braucht Kapital, monetäres und humanes.
Die Anzahl der Einheimischen geht zurück und dennoch wächst London, in den letzten 15 Jahren offiziell um ca. 700 000. Das entspricht einer deutschen Großstadt. London holt sich Hochqualifizierte aus aller Welt systematisch an die Themse, bsplw. werden jedes Jahr Spitzenabsolventen der besten Universitäten der Welt eingeladen. Wer 200 000 Pfund vorweisen kann und zusagt, mindestens 2 Arbeitsplätze zu schaffen bekommt ein Visum und die Erlaubnis zur Geschäftsgründung. So kam es, dass die von über 60 000 Nichtbriten geführten Geschäfte 2004 90 Mrd. Umsatz gemacht haben.
An der Universität von Kingston, so schätze ich nach meinen "eigenäugigen" Beobachtungen, sind die Hälfte der Professoren Nichtbriten, und ganz sicher mehr als die Hälfte der Studenten. Hier dominieren die Einwandererkinder aus Indien, Pakistan und Hongkong, meinem Eindruck nach ebenso wie in den Schulen. Es gibt immer mehr gesellschaftliche Aufsteiger mit sehr guter Ausbildung und sehr gutem Verdienst, die sich die Nobelviertel erobern, aber vor allem stellen die Zuwanderer bereits ein Drittel des Krankenhauspersonals und mindestens Zweidrittel der Hotelangestellten.
"Man" hat nun sein Kindermädchen aus Polen oder Tschechien, die Hotel- und Restaurantküchen sind fest in asiatischer Hand, was diesen sehr gut getan hat, (wenngleich das Gemüse doch sehr al dente ist), das Supermarkt- und Putzpersonal ist vorwiegend schwarz, überhaupt ist der Dienstleistungssektor, der gehobene wie der einfache, überproportional in der Hand von Immigranten.

Die Insel ist nach wie vor eine Klassengesellschaft, da gebe ich mich keinen Illusionen hin. Auch die Londoner Gesellschaft. Aber dennoch: ein tolerantes Neben- und Miteinander scheint problemlos mit großer Gelassenheit und Selbstverständlichkeit zu funktionieren? Andererseits, ganz so kann es nicht sein, bräuchte man sonst eine Kommission für ethnische Gleichberechtigung?
Ein Professor an der Universität von Kingston, selbst Pakistani, erklärte mir, warum seiner Meinung nach das Zusammenspiel der Nationen zum Wohl Londons funktioniert: es ist jedem klar, was von ihm erwartet wird und was er als Gegenleistung erhält: Er kann London als seine neue Heimat annehmen und London wird ihn annehmen, er kann ein Bürger einer Weltstadt werden, Londoner, nicht Engländer! wenn er Englisch spricht, sich loyal verhält und bereit ist, seine Talente, sein Know-how, seine Arbeitskraft und natürlich auch sein Geld in diese Stadt einzubringen. Und die, die mit Geld kommen und investieren, kommen, weil es eben auch die anderen gibt, ohne Kapital aber leidensfähig und arbeitswillig, die Einsamkeit, Entfremdung, Arbeit bis zur Erschöpfung und am Rand der Ausbeutung zu ertragen bereit sind, in voller Hoffnungen auf mehr Chancen und eine bessere Zukunft, zumindest für ihre Kinder, und sich eine 40 Stunden Woche gar nicht vorzustellen wagen.

Ich habe das, sehr zum Amüsement des Professors, etwas spöttisch als umgedrehten Kolonialismus" bezeichnet. Schon immer haben die Briten gerne und und nicht schlecht auf Kosten anderer gelebt, waren dann erfolgreich, wenn sie auf die Ressourcen und Fähigkeiten anderer zurückgreifen konnten, das Ende des British Empire war auch ein Rückschlag für die englische Wirtschaft. Aber es scheint nun, dass es der Führung Londons gelingt, das Erbe des Empire, Einwanderer verschiedenster Nationen mit und ohne britischen Pass, das eine Last zu werden drohte, zum Ausgangspunkt einer Erfolgsgeschichte zu machen. Man geht nicht mehr in die Kolonien, um Ressourcen auszuschöpfen, man holt sich was man braucht ins Land.

Unsere Republik droht zu vergreisen, das ist inzwischen ein Allgemeinplatz, den man gar nicht mehr hören kann. Wir haben einerseits 5 Mio. Arbeitslose und andererseits einen Facharbeitermangel und wachsenden Bedarf an Hochqualifizierten. Wir sind de facto ein Einwanderungsland mit rund siebeneinhalb Millionen Ausländern, über drei Millionen Aussiedlern und über einer Million eingebürgerten "Neudeutschen". Zusammen etwa 12 Mio. Menschen die ein Gewinn für Deutschland sein sollten.
Glaubt man den Hochrechnungen einiger Professoren werden sich die Deutschen spätestens in hundert Jahren als Minderheit im eigenen Land fühlen, zumindest in den großstädtischen Ballungsräumen, und die deutsche Sprache wird vom Aussterben bedroht sein. Und ich frage mich, ob London nicht etwas modifiziert als Modell dienen kann, wie es in Deutschland,wie es in besonders gefährdeten Städten, bsplw. Berlin, auch gelingen könnte, Zuwanderer erfolgreich zu integrieren und sie nicht zur Belastung sondern zum Gewinn für unseren Staat und unsere Gesellschaft werden zu lassen?

Ein Bericht von Tosca, der im Forum weiter diskutiert wird!