Das Wandern ist des Müllers Lust?

Das Wandern ist des Müllers Lust?

Julius Zorn war seit etwa 10 Jahren in P. ansässig, und seine Buchbinderei war in der Zeit so erfolgreich geworden, dass er seine Arbeit nicht mehr allein bewältigen konnte: er brauchte einen Gesellen. Der Geselle Lorenz D. verstand sich gut mit seinem Meister aber er wollte, und er musste auf Wanderschaft gehen. Ende März 1864 machte er sich also von Hamburg aus auf den Weg. Das mit der Wanderschaft war schon damals nicht so ganz genau zu nehmen: D. fuhr von Hamburg nach Harburg mit der Bahn. Dann allerdings ging er zu Fuß nach Winsen, fuhr von dort mit der Eisenbahn nach Lüneburg. Danach bedurfte es dann einer fast achtstündigen Wanderung, ehe er Uelzen erreicht hatte.

Am 3. Tag seiner Reise benutzte er doch wieder die Bahn nach Braunschweig zu seiner großen Erleichterung gab es dort nachmittags Freibier.

Wie lange fahre ich heute nach Braunschweig? Mit dem Auto sind es gut zwei Stunden, an deren Ende ich nicht so erschöpft bin, dass ich nachmittags "immer frei Bier" trinken muss.

D. jedenfalls machte sich am 4. Tag seiner Reise mit vermutlich ziemlich schwerem Kopf auf den zweistündigen Weg nach Wolfenbüttel. So ganz gut scheint es ihm doch nicht gegangen zu sein vielleicht hatte er morgens seine Stiefel nicht ordentlich geschnürt: jedenfalls hatte er in Wolfenbüttel eine dicke Blase unter dem Fuß.

D. war Buchbinder. Das war vor 150 Jahren ein Beruf, der nicht annähernd so viel mit künstlerischer Gestaltung zu tun hatte wie heute. So kam es, dass der junge Mann offenbar blind war für die Schönheiten von Braunschweig oder gar für die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Er suchte in Wolfenbüttel sofort den Bahnhof und fuhr nach Harzburg. Es war nicht daran zu denken, dass er in Harzburg eine längere Pause machte, er machte auch gar keinen Versuch, dort zu arbeiten, sondern ging GING! über den Harz. Es war eine Wanderung von 4 Stunden. Sie ist ihm schwer geworden, und es gab keine Möglichkeit in einem Wirtshaus Rast zu machen. Zu allem Überfluss und zu seinem Glück lag an manchen Stellen noch Schnee, so dass er jede Gelegenheit nutzen konnte, um Schneewasser zu trinken: es war wohl doch etwas zuviel Freibier in Braunschweig gewesen.....

D. schreibt nichts darüber, wo er jeweils übernachtet hat, er wird sich wohl kaum ein Wirtshaus geleistet haben. So gibt es auch keine Auskunft darüber, wo er nach seiner Harzwanderung in Andreasberg übernachtet hat. Am nächsten Morgen jedenfalls war er schon bei Sonnenaufgang unterwegs nach Nordhausen, wo er bereits morgens um 9 Uhr ankam.

Ich habe mir über das Wort "Visum" noch nie Gedanken gemacht bis ich las, dass D. in Nordhausen "visieren" ließ: er bekam also einen Eintrag in sein Wanderbuch, dass er dort "gesichtet" worden war.... Schon damals war der Nordhäuser Schnaps bekannt, und auch D. nahm sich noch welchen mit auf den Weg. Zu seinem Gluck traf er nach drei Stunden Wanderung auf einen Fuhrmann, der ihn bis Sondershausen mitnahm. Thüringen ist für einen norddeutschen Flachländer ja ungewohnt hügelig und das Wandern also auch anstrengender. D. musste dann "nur" noch drei Stunden bis Eibelstadt wandern. Abends um sieben Uhr war er endlich bei seinem Onkel angelangt

Acht Tage lang hat es gedauert, bis er endlich bei seinen Verwandten war. Er hatte sie kein Wunder bei einer so langen Reise lange nicht gesehen und blieb drei Wochen dort. Das war eine unverhältnismäßig lange Pause, aber dann musste er auch wirklich wieder arbeiten. Zunächst jedoch musste er noch einmal drei Stunden zurück nach Sondershausen wandern und erneut visieren lassen, dann marschierte er weiter nach Langensalza. Er ging, wie er schreibt, sich "umschauen" und fand auch gleich Arbeit. Die allerdings schmeckte ihm gar nicht: sie begann damit, dass er gleich am folgenden Tag morgens um fünf Uhr anfangen musste und endete damit, dass es nur wenig und schlecht zu essen gab. Drei Tage lang hielt D. das aus, dann ließ er sich sein Wanderbuch wiedergeben und ging nach Gotha.

War das Freibier in Braunschweig schon etwas, das ihm gefallen hatte, so war das Gothaer Bier geradezu zum Schwärmen. Dennoch: er ließ am Tag darauf erneut visieren und wanderte nach Erfurt. Dort scheint es kein bemerkenswertes Bier gegeben zu haben.

Als D. am Dienstag, dem 19. April 1864 in Erfurt auf die Strasse trat, waren alle Häuser mit Flaggen geschmückt: die Düppeler Schanzen waren erobert worden ein Ereignis, das ja auch heute noch von geschichtsbewussten Flensburgern mit dem alljährlichen "Marsch auf Düppel" begangen wird, wobei allerdings das anschließende Feiern wichtiger ist als das Marschieren.

In Erfurt ließ D. sich ein Visum für Leipzig geben. Wenn man von Erfurt nach Leipzig will, dann ist das wiederum eine lange Wanderung, die in einem Tag nicht zu schaffen ist. Die Übernachtung in einem Heuschober war deutlich unangenehmer, als er sie sich vorgestellt hatte.

Auch in Leipzig fand er sofort Arbeit; bei dem neuen Meister brauchte er auch erst um sechs Uhr morgens anzufangen und nicht schon um fünf. Allerdings wurde 12 Stunden lang gearbeitet, und der Meister war auch nicht gerade zart besaitet: er soll einen Gesellen "tüchtig geprügelt" haben.

Bei 13 Pfennig Lohn pro Stunde war an Kost und Logis beim Meister nicht zu denken; dafür musste Lorenz D. selbst sorgen. Das war nicht einfach und erforderte äußerste Sparsamkeit.

Daran hatte sich 30 Jahre später nichts geändert. Zu der Zeit nämlich war der Sohn von Lorenz D. Meister in Thüringen, und zwar in Schleiz. Er wird auf ähnlich mühsame Weise dorthin gekommen sein wie Dölle. Allerdings hatte er keine Verwandten in Thüringen, bei denen er sich ausruhen konnte. Auch Hugo Z. war Buchbinder.

Wie knapp das Geld war, steht in einem Brief, den seine Mutter im Juli 1895 an ihn schrieb, sehr besorgt und voller guter Ratschläge Hugo wird das genauso ungern gelesen haben, wie die jungen Leute gut einhundert Jahre später.

Hugo hat sich vermutlich bei seiner Mutter beklagt, dass er mit dem Geld nicht auskam, weil das Kostgeld so hoch sei. Auch seine Mutter fand, dass 12 Schilling Kostgeld zuviel sind, vor allem, weil sie jemanden kannte, der nur 8 Schillinge bezahlt und "auch gut" wohnte. Andererseits: Hugo hatte 30 Schillinge als er nach Thüringen kam wenn er sich einschränkte und von Zeit zu Zeit von dem was er hat, noch ein bisschen "zuschoss", müsste er auskommen. "Hüte Dich ja, dass Du nicht mit jüngeren Leuten in Verkehr kommst, die nicht sparsam sind", schrieb sie und wunderte sich außerdem, dass ihr Sohn mit seiner Wäsche nicht auskam. Und endete "Nun, mein lieber Hugo, Du weiß, das ich es gut mit Dir meine, nimm Dich mal recht zusammen u. tu diese Oekonomie, Du sollst sehen, es geht, versuche aber nicht zu viel, trinke mal ein Glas Bier aber nicht zu viel, dann wirst Du auskommen.

Es grüßt Dich Deine Dich liebende Mutter."


Geschrieben von Tivoli-Mitglied Sesemi