Wer hat die Hosen an?

Wer hat die Hosen an?



Wenig nur weiß ich über meine Vorfahren. Nicht ganz im Dunklen tappe ich bei meiner Urgroßmutter mütterlicherseits.
Meine Großmutter Barbara, genannt Babett mit der Betonung auf der ersten Silbe, einem langen a und einem ganz weichen d am Ende, so dass es fast klingt wie Bahbe, in der Verkleinerungs- und Koseform auch Bábedla, hat mir ausführlich von ihr erzählt, sonst wüsste ich auch nichts, da sie schon zweiundzwanzig Jahre tot war, als ich geboren wurde. An Grippe gestorben. Das war 1918. Damals gab es Grippeepidemien, das kann man sich heute nicht ausmalen. Es gab auch keinen Arzt, zumindest nicht auf dem Dorf. Der Hofrat sei zuständig gewesen, sagte die Babett, aber "den hat man nicht hergebracht".
Kurz vor dem Weihnachtsfest 1918 ist die Urgroßmutter Bär, ich nenne sie hier "Ursa Uri", von Fieber und Grippe geschwächt, sanft entschlafen, gerade mal 67 Jahre alt. Auf ihren Wunsch hin holten die Babett (der Uropa war schon seit einem Jahr tot) und ihre beiden Schwestern den Pfarrer, damit er das Abendmahl spendete. "So, und jetzt brauch ich noch was Gscheits zum Essen!" muss sie nach dem Ritual gesagt haben, denn eine tüchtige Portion Bratwürste mit Kraut "hat ihr noch so gut geschmeckt!" erzählte mir die Babett, dass kein Mensch ans Sterben glauben konnte.
"Mei Mutter war couragiert, o du guter Welt naa, o Lieberla naa, da hat sich kein Gendarm hineingetraut und kein Gemeindediener, die hat ihnen ein Maul angehängt, die hat sich vor gar nichts geforchten". So die Babett 1964. Jemandem "ein Maul anhängen", das heißt so viel wie: jemandem gehörig die Meinung sagen bzw. geigen, ihm die Leviten lesen, ihn zusammenstauchen.
Später erfuhr ich, dass die Ursa Uri sogar auf die Schienen der nagelneuen, gerade eröffneten Lokalbahn, welche eines ihrer schönsten Grundstücke durchschnitten, Steine gelegt haben soll, in der Hoffnung, den Zug zum Entgleisen zu bringen. Eine fränkische Terroristin, zu vergleichen mit den Ureinwohnern im Wilden Westen Amerikas. Die würde einem Herrn Mehdorn zeigen, wo der Barthel den Most holt.

Was Wunder, wenn die folgende Geschichte von ihr überliefert ist? Es muss 1896 gewesen sein. Das 1883 geborene Babettla ging in die 7. Klasse, stand also kurz vor dem Ende seiner Schullaufbahn. Hauptdarsteller und tragischer Held ist der Oberlehrer der Gemeinde, ein würdiger Mann, neben dem Pfarrer die Inkarnation der Autorität.
An jenem Tag, als meine Uroma, die zu diesem Zeitpunkt 45 Jahre alte, in voller Blüte stehende Ursa Uri diese in Frage stellte, liefen die Dinge schlecht. Singen stand auf dem Stundenplan. Für eine Beerdigung musste geprobt werden. Die 13-jährigen, ernährungsbedingt überwiegend busenlosen, ungeschminkten und ungepiercten Teenager in ihren gotischen Klamotten und grauen oder weißen Kopftüchern, an denen sich niemand störte, kicherten mehr als dass sie sangen. "Wie im Hühnerstall" sagte der Oberlehrer. Als es beim fünften Mal immer noch nicht klappte mit dem "Er bleibt nicht immer Asch und Staub, nicht ewig der Verwesung Raub", wurde er grimmig. Vielleicht war auch die Hitze schuld, denn es ging auf Mittag zu. "Aus! Schluss!" rief er. "Wir gehen in die Kirche!" Die Kühle würde den aufgedrehten Pubertierenden gut tun. Gesagt, getan.

Dort lief es besser. Der Chorleiter war stolz auf seine Mädchen. Sie würden einen wunderschönen Gesang liefern. Einmal noch das Ganze da capo!
Doch das Unheil nahte in Gestalt der Ursa Uri: "Nur wenn er in die Enge getrieben ist, wird der Bär zum furchtbaren Gegner der Menschen; sonst trabt er, selbst verwundet, eilig seines Weges. Anders verhält es sich, wenn man die Jungen einer Bärin angreift; denn angesichts der letzteren zeigt sie wirklich unglaublichen Mut (Der farbige Brehm, Freiburg 1966)
Hereingestürmt in die Stille des leeren Kirchenschiffs kam meine Uroma, die Ursa Uri. Entnervt durch die mehrmalige Frage ihres Gatten, der am blankgescheuerten, ungedeckten Tisch schon seit geraumer Zeit missmutig seine Suppe gelöffelt hatte, wo denn heute das Babettla bleibe, hatte sie sich aufgemacht zu recherchieren. Das Schulhaus war leer. Also blieb nur die Kirche. Gotteshaus hin, Gottes Haus her. Die Ursa Uri war in Kampfstimmung. Schule ja, aber nicht bis in die Zeit hinein, da das Babettla seine Pflichten bei Tisch und in der Küche zu erfüllen hatte.

Ihrer nicht formulierten Frage an die Autorität, was das denn solle, wie wir es denn hätten, ha? folgte umgehend die Aufforderung an das Babettla, die der Oberlehrer, obschon noch nicht lange im Dienst, aber doch des Fränkischen mächtig, nur allzu gut verstand: "Babettla, du gässt mitt hamm!" Der Päda- bzw. Puellagogus zog die Augenbrauen hoch. "Bär, du bleibst da!" sprach er, so energisch wie es ihm möglich war angesichts dieser Pseudo-Autorität aus einer anderen Welt, die sich anmaßte, sein Konzept durcheinanderzubringen.
"Babettla, du gässt mitt hamm!" "Bär, du bleibst da !"
"Babettla, du gässt mitt hamm!" "Bär, du bleibst da !"
Das Babettla, meine Großmutter, konnte sich, sie war schon 80, als sie es mir mit vor Lachen wackelndem Bauch ausführlich und umständlichst erzählte, nicht mehr richtig erinnern, wie lang dieser Wechselgesang auf der Orgelempore, amüsiert bis erschreckt verfolgt von einem Dutzend hagerer, ausgemergelter Bauernmädchengesichter, dauerte. Sie weiß nur noch eines: die Mutter, die Urbärin, die Kampfbärin, fackelte nicht lange, ging auf den Oberlehrer, den unbelehrbaren, los und packte ihn beim Bart. Bomm Board, Nicht bomm Keyboard, sondern beim Gesichtsschmuck, beim Bart, dem primären männlichen Geschlechtsmerkmal des 19. Jahrhunderts, und schüttelte den würdigen Pädagogen vor den verschreckten Mädchen hin und her. Denen prägte sich die Szene so ein, dass sie noch bei ihrer Goldenen Konfirmation nach 50 Jahren nicht müde wurden, davon zu erzählen.
Die hatte die Hosen an, obwohl sie keine anhatte. Mit Sicherheit nicht einmal unter ihren drei Röcken. Eine solche bräuchten wir heute, wenn die Schulpolitiker aus München hier auf die Dörfer kommen und ihre Sonntagsreden halten von wegen "Bildung hat Vorrang" und "Bessere Schulen braucht das Land!"

Aber die haben ja keinen Bart mehr. Und die Frauen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren.