Er hieß Hansi

Eine völlig frei erfundene Tiergeschichte.


Er hieß Hansi, und alle mochten ihn. Wenn ich ihn besuchte, traf ich ihn immer gut gelaunt an, und unermüdlich sang er mir sein Liedchen vor. Ein reichliches Jahr war er gerade erst Jahr alt, das mag jung erscheinen, aber ein Stieglitz oder Distelfink, wie er auch genannt wurde, gilt da schon als erwachsen.
Von mir und Oma Walter, bei der er sein Quartier hatte, ließ er sich gern füttern und über sein buntes Gefieder streicheln. Wenn es warm war und die Sonne schien, stellte Oma Walter seinen Käfig an das offene Fenster. Dann sah er die Wiese, den Holunderstrauch auf dem kleinen Hof und weit dahinter einige Baumwipfel. Im Winter kam oft ein Amselpärchen auf die Fensterbank, und auch Meisen erfreuten sich an dem Futter, das Oma Walter für sie hingestreut hatte. Manchmal war auch sein Käfig offen, doch dann war das Fenster stets sorgfältig geschlossen. Auch durfte dann die Katze Minka nicht in das Zimmer.
Regelmäßig bekam er sein Futter und sein Wasser, und der Sand in seinem Käfig wurde ständig erneuert. Er hätte also glücklich und zufrieden sein können. Doch zuweilen, wenn er vor dem verschlossenen Fenster saß, mögen irgendwelche, von seinen Vorfahren vererbte Sehnsüchte, in seinem hübschen Köpfchen erwacht sein. Zwar war er schon im Zimmer vom Käfig zur Lampe und von dort zur Gardinenstange geflogen, aber wie mochte wohl so ein Flug im Freien sein? Das hatte er nie kennen gelernt. Seine Mutter hatte ihn und seine drei Geschwister bei einem Züchter in einer Gartenvoliere ausgebrütet und anfangs auch gefüttert. Doch kaum, dass er und seine Geschwister fliegen konnten, wurden sie in eine andere Voliere umgesetzt.

Nun hätte er wohl auch nie erfahren wie ein Flug in freier Natur ist, wenn nicht eines Tages nicht nur sein Käfig sondern auch das Fenster einen Spalt breit offen gestanden hätten. Vorsichtig trippelte er durch den Fensterspalt und stand nun auf der Fensterbank. Er schüttelte sich und peilte mutig den Holunderstrauch an. Der Abstand schien erschreckend groß, andererseits schien ihm ein Flug dorthin doch sehr verlockend!
Und so schwang er sich schließlich vom Fenstersims, und mit noch unsicherem Flug erreichte er knapp den Holunderstrauch. Jetzt war er frei, aber so richtig froh konnte er darüber nicht sein. Es war alles so ungewohnt und auch gefährlich; die Katze schlich über die Wiese, er sah eine große Elster, und als es Nacht wurde und auch noch ein kalter Regen fiel, wäre er doch ganz gern wieder in seinem Käfig gewesen. Aber auch diese Nacht verging, der Morgen zog auf, und als die Sonne sein Gefieder wärmte, versuchte er sogar ein kleines Liedchen.
Jetzt verspürte er auch schon etwas Hunger, aber auf das Futter von Oma Walter würde er nun wohl verzichten müssen. Fürs erste probierte er einige trockene Holunderbeeren, aber so richtig nach seinem Geschmack waren sie nicht. Also galt es weiterzufliegen und sich auf die Suche nach etwas zu machen, das seinem Schnabel schmeckte.
Schließlich fand er hinter dem Gartengrundstück eine verlassene Sandgrube. Bei ihr die Ruine eines kleinen Häuschens, das von Unkraut und Disteln überwuchert war.
Hier ließ es sich bestimmt gut leben, und in einem dichten Gestrüpp von Kiefern würde er auch vor Elster und Katze sicher sein. Aber nicht nur Hansi hatte diesen verwunschenen Ort entdeckt! Von diesem Paradies wusste auch ein ganzer Schwarm von Stieglitzen, der in diese Wildnis einfiel und sich mit Gezwitscher an dem Distelsamen sättigte. Schon nach kurzer Zeit nahmen die Vettern unseren Hansi in ihrer Mitte auf. Unter ihnen fühlte er sich wohl, und bald erregte er auch die Aufmerksamkeit eines Weibchens. Mit seinem Balzgehabe und seinem unermüdlichen Gesang gewann er schließlich ihre Zuneigung, und bald begannen sie zu schnäbeln. Als er sah, dass sein Weibchen schließlich Halme und kleine Zweige zusammentrug ahnte er, dass er bald eine eigene Familie haben werde.


Einmal kam ich Pilze suchend in die Sandgrube und glaubte, unseren Hansi mit seiner kleinen Familie erkannt zu haben mir schien, dass ein bestimmter Vogel mich etwas anders ansah als die übrigen, die vor mir scheu davonflogen.

Vielleicht hätte ich Hansi und seine Geschichte längst vergessen, wenn sich nicht einige Monate später für mich und Millionen meiner Landsleute auch unsere Käfigtür geöffnet hätte. So wie er begannen wir mit unseren ersten unbeholfenen Flugversuchen.
Auch uns traf nach der anfänglichen Euphorie über die erlangte Freiheit ein kalter Regenschauer, auch wir mussten lernen, uns vor der schleichenden Katze und der diebischen Elster zu schützen, und manchmal habe auch ich mir den schützenden Käfig zurückgewünscht. So sehr unsere ersten zögernden Versuche in der Freiheit auch belächelt wurden, wir lernten schließlich doch das Fliegen. Unsere vier Kinder haben schon begonnen, ihr eigenes Nest zu bauen, und zurück in den Käfig will von ihnen sicher keiner mehr.

Mit dieser kleinen Geschichte hoffe ich, ein wenig zwischen den Vögeln vermitteln zu können. Auf dass die in Freiheit aufgewachsenen etwas mehr Verständnis für die Schwierigkeiten ihrer Käfigbrüder zeigen mögen, und es nicht als Meckerei auslegen, wenn diese bei Ungerechtigkeiten und Schwierigkeiten ohne Groll auch mal der klein karierten Enge, aber auch der Geborgenheit ihres Käfigdaseins gedenken.

Den Vögeln, die im Käfig aufwuchsen, will ich Mut machen. Sie sollen dem Käfig nicht nachtrauern und erfahren, dass es sich lohnt gelohnt hat, in hinter sich gelassen zu haben. Auch wenn man sich vor ungewohnten Gefahren schützen, sein Futter selbst suchen und sein Nest bauen muss.

Ihre Jungen werden das alles bereits lernen, sobald sie ihr Nest verlassen haben. Sie werden damit zurecht kommen und vielleicht nie verstehen, wie man ein ganzes Leben damit hat verbringen können, in einem Käfig von einer Stange zur anderen zu flattern, auch wenn man darin keine Not leiden musste.


Ein Beitrag von Sachse